Interviews
IWP 28. August 2025

«Ein höheres Rentenalter ist wünschenswert», sagt Patrick Chuard-Keller.

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Herr Chuard, Hand aufs Herz: Wie lang ist ein Arbeitstag von Ihnen?

Das lässt sich in Stunden ausgedrückt gar nicht so genau sagen – und das ist auch gut so. Ich habe das Privileg, flexibel arbeiten zu dürfen. Heute habe ich zum Beispiel am Vormittag eine Präsentation überarbeitet, am Nachmittag meinen Sohn aus der Kita geholt, danach eine Stunde Sport gemacht – und beantworte nun nach dem Abendessen noch ein paar E-Mails. Dieses Modell erlaubt mir eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, auch wenn ich dafür manchmal abends oder am Wochenende arbeite.

Sie beobachten den Schweizer Arbeitsmarkt seit Jahren genau. Welche langfristigen Entwicklungen halten Sie für besonders prägend?

Am deutlichsten ist der demografische Wandel: Bis 2035 geht ein erheblicher Anteil der heutigen Erwerbsbevölkerung in Rente – das wird das Arbeitskräfteangebot spürbar verengen. Gleichzeitig erleben wir tiefgreifende technologische Veränderungen: Digitalisierung, Automatisierung, KI – all das verändert Jobprofile. Auch der Strukturwandel hält an: weniger Industrie, mehr Dienstleistungen, mehr hochqualifizierte Tätigkeiten. Genau dieser Wandel, den wir nicht beeinflussen können, ist der Grund, weshalb uns ein flexibler Arbeitsmarkt die grössten Chancen bietet.

Zur Person

Dr. oec. Patrick Chuard-Keller ist seit Februar 2025 Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV). Er arbeitete zuvor in der Bundeskanzlei, wo er in der strategischen Führungsunterstützung tätig war. Davor führten ihn seine beruflichen Stationen von der Nationalbank über die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich zu dem Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (ZHAW). Er promovierte am Lehrstuhl von Prof. Dr. Monika Bütler (Universität St. Gallen), wo er seine Dissertation mit dem Titel «Essays in Health and Labor Economics» verfasste.
Wp 23822 Bio Patrick Chuard Keller

Die Schweizer arbeiten heute weniger denn je. Zugleich wächst der Wunsch nach Freizeit und Flexibilität. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Steigende Einkommen ermöglichen es vielen, sich mehr Freizeit zu leisten – das ist ein typischer Wohlstandseffekt. Aus liberaler Sicht ist das völlig legitim: Jede und jeder soll selbst entscheiden können, wie viel Zeit sie oder er der Erwerbsarbeit oder der Freizeit widmen möchte.

Klar. Aber wer mehr arbeitet, zahlt auch mehr Steuern für die Allgemeinheit. Welches sind die Schattenseiten des neuen Freizeitdrangs?

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: Problematisch wird es dann, wenn andere diese Entscheidung mitfinanzieren – etwa durch Fehlanreize im Steuer- oder Subventionssystem. So entstehen beispielsweise bei einkommensabhängigen Schwellenwerten Verzerrungen, die ein höheres Pensum unattraktiv machen. Etwa bei Subventionen für die Kinderbetreuung, bei der Prämienverbilligung oder beim Anspruch auf Wohngeld – wer mehr arbeitet, verliert mitunter mehr Leistungen, als er zusätzlich verdient. Solche Effekte bremsen die Erwerbsbeteiligung unnötig aus.

Neben finanziellen Fehlanreizen stellen sich auch Fragen zur tatsächlichen Belastung: Während die Arbeitszeit sinkt, steigen die Absenzen – wie passt das zusammen?

Das sind zwei Entwicklungen, die wohl unterschiedliche Ursachen haben. Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Vollzeitstelle sinkt, weil sich die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmenden erhöht hat – etwa im Zuge des zunehmenden Arbeitskräftemangels. Das ist grundsätzlich unproblematisch: Das Produktivitätswachstum, das unseren Wohlstand ermöglicht hat, kann sich sowohl in höheren Löhnen als auch in mehr Freizeit niederschlagen. Die steigenden Absenzen, insbesondere aufgrund von Krankheit, lassen sich nicht damit erklären. Das ist eine Entwicklung, die zu Recht Besorgnis auslöst – umso mehr als die Ursachen noch nicht abschliessend geklärt sind.

«Das Produktivitätswachstum, das unseren Wohlstand ermöglicht hat, kann sich sowohl in höheren Löhnen als auch in mehr Freizeit niederschlagen.»

Patrick Chuard-Keller

Teilzeitarbeit boomt, gerade bei Männern. Ist das ein Zeichen für mehr Gleichstellung oder eher ein Rückzug aus der Arbeitswelt?

Ich würde sagen: beides. Am stärksten haben Väter junger Kinder ihr Pensum reduziert. Das deutet auf mehr Gleichstellung hin. Doch auch Männer ohne Kinder arbeiten heute häufiger in Teilzeit. Die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit wurde in vielen Unternehmen ursprünglich im Zusammenhang mit Kinderbetreuung eingeführt – und hat sich seither als flexibles Modell etabliert.

Was bedeutet das für Paare – wer arbeitet wie viel im Haushalt insgesamt?

Dort zeigt sich ein differenziertes Bild: Es wird nicht weniger gearbeitet, sondern die Erwerbsarbeit wird neu verteilt. Weil Frauen ihre Arbeitsstunden mehr erhöhten als Männer sie reduzierten, ist die Arbeitszeit von Paaren zwischen 1997 und 2020 um knapp 5 Stunden pro Woche gestiegen.

Gilt das klassische Schweizer Arbeitsethos – Disziplin, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit – überhaupt noch?

Dazu ist die Datenlage dünn. Zumindest wenn man – als Annäherung an die Frage – die geleisteten Wochenarbeitsstunden im internationalen Vergleich betrachtet: ja. Rechnet man die Arbeitszeit auf die gesamte Bevölkerung ab 15 Jahren – also inklusive Studierender, Rentnerinnen und Teilzeitbeschäftigter –, liegt die Schweiz mit durchschnittlich 22 Stunden und 47 Minuten pro Woche weiterhin in der internationalen Spitzengruppe. Nur Island weist noch höhere Werte auf.

Wenn die Schweiz insgesamt trotz neuen Trends so viel arbeitet – was ist dann dran am Vorwurf, die Generation Z sei weniger leistungsbereit?

Ältere Generationen wie die Babyboomer waren oft bereit, private Belange dem Beruf unterzuordnen. Bei der Gen Z verhält sich das anders: Laut einer Deloitte-Studie würde fast die Hälfte den Job wechseln, wenn diese Faktoren wie Sinnhaftigkeit und Balance fehlen. Das Randstad-Arbeitsbarometer zeigt: Zwei Drittel würden sogar kündigen, wenn der Job ihr Privatleben zu stark einschränkt. Anders als frühere Generationen setzt sie eher Grenzen – und kann das auch.

«Ältere Generationen wie die Babyboomer waren oft bereit, private Belange dem Beruf unterzuordnen.»

Patrick Chuard-Keller

Wie schafft es die Generation Z, mit dieser Haltung durchzukommen?

Der Arbeitskräftemangel und die demografische Entwicklung spielen ihr in die Hände. Ihre geringere Anzahl macht sie auf dem Arbeitsmarkt umso begehrter – und verschafft ihr die reale Möglichkeit, ihre Erwartungen durchzusetzen.

Dann haben die Angestellten inzwischen die Oberhand über die Arbeitgeber gewonnen?

Im internationalen Vergleich ist die Position der Arbeitnehmer in der Schweiz tatsächlich stark: Die Lohnquote – also der Anteil der Wertschöpfung, der an die Löhne geht – liegt auf hohem Niveau und ist in den letzten Jahren leicht gestiegen. Seit den 1950er-Jahren haben sich Produktivitätsgewinne in real höheren Einkommen und teils auch in mehr Freizeit niedergeschlagen.

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Diese Entwicklung ist weniger das Resultat besonders starker Gewerkschaften, sondern Ausdruck eines leistungsfähigen Arbeitsmarkts: Ein hohes Ausbildungsniveau, ein bewährtes Berufsbildungssystem und ein vergleichsweise geringer Tieflohnsektor stärken die Verhandlungsposition der Beschäftigten. Angesichts der demografischen Entwicklung dürfte sich diese Position in den kommenden Jahren weiter verbessern.

Der Fachkräftemangel bleibt also akut. Was liesse sich dagegen tun – jenseits von Zuwanderung?

Das grösste Potenzial liegt bei älteren Arbeitnehmenden und bei Müttern. Zwar sind viele erwerbstätig, jedoch häufig in tiefen Pensen. Bei den Älteren sinkt die Erwerbsbeteiligung zudem deutlich rund um das heutige Rentenalter – obwohl dieses letztlich willkürlich festgelegt ist. Wichtig ist dabei: Niemand kann zum Arbeiten gezwungen werden, aber die Anreize lassen sich verbessern. Fehlanreize sollten abgebaut und die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sich Erwerbsarbeit wieder lohnt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Nun, dazu gehört beispielsweise ein sozial verträgliches, höheres Rentenalter statt immer mehr Lohnabzüge. Ein höheres Rentenalter – wie auch immer ausgestaltet – wäre nicht bloss sehr wünschenswert für den Arbeitsmarkt, sondern auch für unsere Sozialwerke und das Portemonnaie besonders des Mittelstands und der Familien. Und: Auch die Arbeitgeber stehen in der Verantwortung, attraktiv zu bleiben – gerade für die Generation Z zählen dabei längst nicht nur mehr der Lohn.

Dann bleibt die Zuwanderung eine tragende Säule des Arbeitsmarkts?

In vielen Bereichen hätte die Schweiz echte Probleme, wenn die Stellen nicht durch ausländische Arbeitskräfte besetzt würden, namentlich im Gesundheitswesen, in der Informatik, im Bau- und Ausbaugewerbe, aber auch im Tourismus und in der Landwirtschaft. Wenn Unternehmen die Arbeitskräfte nicht finden, die sie benötigen, wandern sie ab oder kommen gar nicht erst in die Schweiz. Im Gesundheitswesen drohten Wartefristen, Restaurants müssten schliessen. Die Schweiz wird also auch in Zukunft auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein, wenn Sie weiterwachsen will, aber auch angesichts der angesprochenen Pensionierungswelle der Babyboomer.

«Die Schweiz wird auch in Zukunft auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein.»

Patrick Chuard-Keller

Doch zu welchem Preis?

Ich will weder ignorieren noch verschweigen, dass die Zuwanderung und die laufend wachsende Bevölkerung auch Probleme mit sich bringt. Und die Probleme sind möglicherweise offensichtlicher als der Nutzen der Zuwanderung. Ein gesundes Mass an Zuwanderung Jahr für Jahr kann die Schweiz gut absorbieren, vorausgesetzt, sie investiert ausreichend in Infrastruktur und Wohnen. Ich möchte die Probleme nicht schönreden, aber eine schrumpfende Schweiz ist nicht wünschenswert. Das würde bedeuten, dass die Schweiz nicht mehr der attraktive Lebensmittelpunkt ist, die sie im Moment ist. Das kann nicht das Ziel sein.

Was bedeutet all das für die Zukunft der Arbeit in der Schweiz? Droht ihr ein Bedeutungsverlust – oder steht sie vor einer Renaissance?

Ob Arbeit an Bedeutung verliert, ist eigentlich die falsche Frage. Arbeit war nie Selbstzweck – sie diente stets dazu, Bedürfnisse zu befriedigen, Wertschöpfung zu erzeugen und unseren Wohlstand zu sichern. Das hat über Generationen hinweg bemerkenswert gut funktioniert. Die Arbeit in der Schweiz war dabei immer im Wandel – von der Industrialisierung über die Dienstleistungsökonomie bis zur heutigen Wissensgesellschaft. Heute schaffen wir mehr Wohlstand pro Stunde als je zuvor, was uns erlaubt, flexibler, sicherer und erfüllter zu arbeiten. Wenn wir die richtigen Anreize setzen und den flexiblen Arbeitsmarkt nicht durch neue Hürden einschränken, kann sich die Arbeit auch künftig weiterentwickeln – und das leisten, was sie immer geleistet hat: einen zentralen Beitrag zu unserem Wohlstand.