Interviews
Von Dr. Thomas M. Studer 26. Mai 2025

«Die Bologna-Reform hat die Universitäten stark verschult», sagt Bruno S. Frey.

Wp 23329 Bruno S Frey Hero 1

Lieber Herr Frey, Ihre beeindruckende akademische Laufbahn begann in den späten 1960er-Jahren – und dauert bis dato an. Hand aufs Herz: Was waren die Highlights Ihrer Forschung?

Ich hatte immer Freude daran, neue und unkonventionelle Ideen zu entwickeln. Besonders interessiert hat mich, wie ökonomische Anreize das politische Verhalten beeinflussen – diese Verbindung zwischen Ökonomie und Politik steht im Zentrum meiner Forschung.

Was bedeutet das konkret – wo greifen Ökonomie und Politik ineinander?

Ein Beispiel: Ich habe mich mit politischen Konjunkturzyklen befasst. Man sieht immer wieder, dass Regierungen vor Wahlen die Ausgaben deutlich erhöhen – durch grosszügige Programme oder kleine Geschenke an die Wähler. Auf die Wahlen folgt dann oft eine Politik, die stärker von der Ideologie der jeweiligen Regierung geprägt ist. Dieses Muster hat klare wirtschaftliche Folgen, wurde aber lange Zeit kaum systematisch untersucht.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Bruno S. Frey zählt zu den führenden und renommiertesten Ökonomen der Schweiz. Seine akademische Laufbahn umfasst bedeutende Positionen in der Wissenschaftsgemeinschaft. Er ist  ständiger Gastprofessor an der Universität Basel. Von 2013 bis 2015 bekleidete er die Position des Seniorprofessors für Volkswirtschaftslehre an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Davor, von 2010 bis 2013, war er als Distinguished Professor of Behavioural Science an der Warwick Business School der University of Warwick im Vereinigten Königreich tätig. An der Universität Zürich wirkte er von 1977 bis 2012 als Professor für Volkswirtschaftslehre. Seine akademischen Wurzeln liegen an der Universität Konstanz, wo er von 1970 bis 1977 ebenfalls den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre innehatte.
Wp 17832 Bruno S Frey Portrait 2 scaled e1711468289487

Sie haben den politischen Betrieb nicht nur mit scharfem Blick analysiert – sie haben auch gleich ganz neue Regeln vorgeschlagen.

Ja, mich hat stets die Frage fasziniert, wie man politische Institutionen – also die grundlegenden Spielregeln unserer Demokratie – besser gestalten kann. In diesem Zusammenhang habe ich beispielsweise die sogenannte «Flexible Entscheidungsregel» entwickelt. Die Idee ist einfach: Je nachdem, wie viel Zustimmung ein politischer Vorschlag erhält, wird er teilweise oder vollständig umgesetzt. Wenn zum Beispiel 70 Prozent der Bevölkerung für ein staatliches Projekt in Höhe von 100 Millionen stimmen, dann sollen auch nur 70 Millionen ausgegeben werden. Das macht Abstimmungen differenzierter – und erlaubt mehr Kompromisse. Zu meiner Forschung hätte ich noch einiges mehr zu sagen. Wie lange haben Sie Zeit?

Ich ahne es – aber lassen Sie uns zur Institution übergehen, die Ihnen jahrzehntelang Heimat, Bühne und Reibungsfläche war: zur Universität. Wenn Sie heute auf Ihre Jahrzehnte in der Akademie zurückschauen – was hat sich im Universitätsbetrieb am stärksten gewandelt?

Die prägnanteste Veränderung ist die Bologna-Reform, wie sie in der Schweiz ab dem Jahr 2001 umgesetzt wurde. Sie hat die Universitäten stark verschult und ihnen viel von ihrer Eigenart genommen. Die offene, kritische Diskussion – einst zentrales Element universitärer Kultur – ist dadurch deutlich in den Hintergrund geraten.

«Die prägnanteste Veränderung ist die Bologna-Reform. Sie hat die Universitäten stark verschult und ihnen viel von ihrer Eigenart genommen.»

Bruno S. Frey

In welchem Verhältnis steht diese «Verschulung» zur akademischen Freiheit?

Die akademische Freiheit ist in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Forschung und Lehre unterliegen einer dichten Regulierung, begleitet von einer aufgeblähten akademischen Bürokratie. Professuren sind inhaltlich wie methodisch stärker normiert. Gefragt ist, was dem Zeitgeist entspricht; unorthodoxe Ideen stossen oft auf Desinteresse oder Widerstand. Drittmittelabhängigkeit und formalisierte Auswahlverfahren verstärken diese Entwicklung.

Und was bedeutet dieser Trend für den Stil des Forschens – ist noch Platz für das Suchende, das Zweifelnde?

In der heutigen volkswirtschaftlichen Forschung können kaum mehr neue Ideen oder wirtschaftspolitische Vorschläge entwickelt werden. Vielmehr muss jeder Beitrag in Form eines wissenschaftlichen Aufsatzes empirisch untermauert werden, insbesondere mit fortgeschrittenen ökonometrischen Schätzungen. Dazu sind möglichst gute Daten über längere Zeitläufe oder breite Querschnitte notwendig. Oft werden solche Daten als Ausgangspunkt genommen und erst nachher überlegt, wozu diese angewendet werden könnten. Damit werden innovative Ideen und Vorschläge fast ganz verunmöglicht, weil dazu keine, oder nur unzureichende Daten vorhanden sind.

Aber spätestens wenn es um wissenschaftliche Publikationen geht, muss doch ein echter Wettbewerb der Ideen stattfinden?

Wer heute eine akademische Laufbahn anstrebt, muss zwingend in begutachteten wissenschaftlichen Zeitschriften publizieren. Welcher Erkenntnisgewinn damit tatsächlich verbunden ist, spielt eine untergeordnete Rolle oder wird gar nicht berücksichtigt. Entsprechend überlegen sich die Verfasser von Beiträgen bereits im Vorfeld, welche Ansichten und Thesen bei den Gutachtern auf Zustimmung stossen könnten – und welche eher auf Ablehnung. Neue und insbesondere unkonventionelle Ideen werden daher häufig vermieden.

Bedeutet das, dass sich Forscher letztlich an den Erwartungen der Gutachter ausrichten?

Ja, bis zu einem gewissen Grad. Gutachter sind in der Regel ausgewiesene Spezialisten auf dem jeweiligen Fachgebiet. Ihr über Jahre aufgebautes akademisches Kapital könnte durch innovative oder querdenkende Beiträge in Frage gestellt werden, weshalb solche Arbeiten von den Gutachtern meist wenig geschätzt werden. Fast alle Aufsätze folgen daher einem einheitlichen Aufbau; intellektuelle Gleichförmigkeit ist die Folge.

«Letztlich findet eine Überakademisierung statt. Die Zahl der Studenten ist absolut und im Verhältnis zur Bevölkerung zu stark gestiegen. Damit wird vorwiegend Quantität erzeugt.»

Bruno S. Frey

Reicht es heute also, möglichst oft zitiert zu werden – ganz egal, womit?

Die Ranglisten von Wissenschaftern stützen sich hauptsächlich auf die Anzahl der Zitierungen oder gar lediglich auf die reine Menge an Publikationen. Die inhaltliche Qualität dieser Arbeiten wird hingegen kaum gewürdigt. Welcher tatsächliche Beitrag zur Wissenschaft – insbesondere zur Wirtschaftspolitik – geleistet wird, bleibt dabei weitgehend unbeachtet.

Wie sieht es denn mit der Qualität der Lehre aus? Immerhin steigen die öffentlichen Bildungsausgaben seit Jahren stark an.

Letztlich findet eine Überakademisierung statt. Die Zahl der Studenten ist absolut und im Verhältnis zur Bevölkerung zu stark gestiegen. Damit wird vorwiegend Quantität erzeugt. Eine Universität erhält für jeden zusätzlichen Studenten direkt oder indirekt erhebliche Geldmittel, was sie dazu veranlasst, möglichst viele aufzunehmen und populäre Studienrichtungen auszubauen.

Was hat dieser Wandel mit den Studenten gemacht?

Die Prüfungen nach jeder Veranstaltung führen dazu, dass deren Anforderungen das zentrale Ziel für die Studenten ist, hingegen der Inhalt einer Veranstaltung als weitgehend irrelevant angesehen wird. Entsprechend ist es auch ziemlich gleichgültig, wer eine solche Veranstaltung durchführt. Die Studenten wissen in der Regel nicht, wer sie gehalten hat, weil die Lehre aus Prüfungsgründen ohnehin stark vereinheitlicht wird.

Tragen da die Dozenten nicht auch ihren Teil dazu bei?

Die Dozenten sehen sich zunehmend gezwungen, Vorlesungsfolien zu erstellen, welche die Anforderungen der Prüfungen vollständig abbilden. Vereinfacht gesagt, genügt es auf Bachelorstufe, diese Folien auswendig zu lernen, um die Prüfungen erfolgreich zu bestehen. Auf Masterstufe ist dies ebenfalls zu einem guten Teil möglich – und sogar eingeschränkt auch für ein Doktoratsstudium.

«In einem ausführlichen Gespräch mit Professoren ist zu klären, ob jemand eine echte wissenschaftliche Neugier mitbringt.»

Bruno S. Frey

Wie sähe aus Ihrer Sicht eine ideale Universität der Zukunft aus?

Die Universität der Zukunft muss sich vom gegenwärtigen Massenbetrieb grundlegend abwenden. Die Zahl der Studenten ist deutlich zu reduzieren; viele sollten auf andere Ausbildungswege – insbesondere Fachhochschulen – verwiesen werden.

Sie plädieren also für strengere Zugangshürden zur Universität?

Ja, aber anders als sie vielleicht denken. Zugelassen werden sollen junge Menschen, unabhängig von ihrer formalen Vorbildung. Entscheidend ist nicht ein Schulabschluss, sondern die innere Haltung. In einem ausführlichen Gespräch mit Professoren ist zu klären, ob jemand eine echte wissenschaftliche Neugier mitbringt, die intellektuelle Fähigkeit zur Analyse komplexer Fragen besitzt und bereit ist, ernsthaft und ausdauernd zu arbeiten.

Wenn man diesem Ansatz konsequent folgt, bleibt vom heutigen Studium kaum etwas übrig.

Ganz genau. Die Universität soll in erster Linie ein Ort des lebendigen geistigen Austauschs sein. Zu Beginn des Studiums sollen sich die Studenten mit den drängenden Problemen von Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen – erst danach sollen sie die für eine wissenschaftliche Analyse notwendigen Techniken, etwa die Ökonometrie, erlernen. Schriftliche Prüfungen werden weitgehend abgeschafft. Am Ende des Studiums steht ein persönliches, intensives Gespräch mit den Professoren, in dem das erworbene Verständnis zur Diskussion gestellt wird.

Wären die Unternehmen nicht völlig überfordert mit solchen Absolventen?

Ich denke nicht. Die Praxis wird rasch erkennen, dass Absolventen einer solchen Ausbildung besonders produktiv sind – und wird ihnen entsprechende Stellen anbieten.