Herr Wolter: Wie viel von Ihrem Erfolg verdanken Sie Ihrer Familie?
Mit einer Stichprobengrösse von N=1 ist das schwer zu beurteilen. Selbst wenn ich meine Schwester dazuzähle, bleibt die Zahl der Beobachtungen zu gering, um belastbare Aussagen treffen zu können. Doch Spass beiseite: Eltern spielen eine zentrale Rolle – im Guten wie im Schlechten. Sie können Erfolg nicht nur ermöglichen, sondern ihn ebenso behindern. Ich habe mich von meinen Eltern unterstützt gefühlt. Wie viel von dem, was man heute vielleicht als meinen «Erfolg» bezeichnet, tatsächlich auf diese Förderung zurückgeht und wie viel auf Faktoren, die ausserhalb ihres Einflusses lagen, lässt sich in meinem Fall kaum sagen.
Eine aktuelle Studie des IWP zeigt: Die Familie erklärt im Schnitt weniger als 21% des eigenen Einkommens – und das seit vierzig Jahren. Überrascht Sie dieses Ergebnis?
Ja und nein. Ja – weil ich das genaue Ergebnis nicht kannte, weder das Niveau des Effektes noch dessen Entwicklung über die Zeit. Und nein – weil die international vergleichenden Statistiken für die Schweiz seit langem relativ gleichmässig verteilte Primäreinkommen zeigen, welche immerhin darauf hindeuten, dass in der Schweiz ein grösserer Teil der Einkommen offenbar nicht über familiäre Einflüsse weitergegeben wird. Wären familiäre Faktoren entscheidend für die Einkommensverteilung, hätte ich in der Verteilung der Einkommen eine deutlich stärkere Ungleichheit erwartet.
Welche Mechanismen tragen Ihrer Meinung nach am stärksten dazu bei, dass die Schweiz bei der Einkommensmobilität im internationalen Vergleich so gut abschneidet?
Für die beobachtete Einkommensmobilität lassen sich verschiedene, teils miteinander verknüpfte Erklärungsansätze anführen. Dazu zählen funktionierende Institutionen, über mehrere Jahrzehnte stabiles Wirtschaftswachstum sowie eine effiziente Regulierung des Arbeitsmarkts. Diese Faktoren schaffen sowohl Anreize zur Erwerbstätigkeit als auch reale Möglichkeiten, eine gut entlohnte Beschäftigung zu finden.
Dann genügen gute Rahmenbedingungen, um Einkommensmobilität zu gewährleisten?
Ich bin überzeugt, dass die strukturellen Rahmenbedingungen zwar notwendige, jedoch nicht hinreichende Voraussetzungen für eine hohe Einkommensmobilität darstellen. Deshalb fällt insbesondere der Berufsbildung in der Schweiz eine zentrale Rolle zu, um das vorhandene Potenzial auch tatsächlich zu nutzen.
«Der Berufsbildung fällt in der Schweiz eine zentrale Rolle zu.»
Was macht denn die Berufsbildung – das duale Bildungssystem – so erfolgreich?
Der Motivationsfaktor spielt eine entscheidende Rolle. Am Ende der obligatorischen Schulzeit zeigen viele Jugendliche – nicht nur in der Schweiz – eine gewisse Schulmüdigkeit. In Ländern, in denen die nachobligatorische Bildung primär durch zusätzliche schulische Angebote geprägt ist, gelingt es häufig nicht, diesen Jugendlichen einen erfolgreichen Übergang zu ermöglichen. Die Folge ist ein hoher Anteil von Jugendlichen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss. Zwar erreicht die Schweiz ihr Ziel von 95 % Abschlüssen knapp nicht, steht aber im internationalen Vergleich dennoch dank der Berufsbildung sehr gut da.
Auch als Lehrling muss ich doch in die Schule – wo liegt da der Unterschied zu rein schulischen Systemen?
Der zentrale Vorteil ist die Diversität der Bildungsangebote hinsichtlich geforderter Fähigkeiten und individueller Neigungen. Während in schulisch geprägten «One-size-fits-all»-Systemen primär sprachliche und mathematische Kompetenzen über den Bildungserfolg entscheiden, eröffnet die Berufsbildung ein breiteres Spektrum. Sie berücksichtigt nicht nur manuelle Fertigkeiten, sondern auch Persönlichkeitsmerkmale, die im schulischen Kontext oft vernachlässigt werden. Gerade diese Fähigkeiten – wie Zuverlässigkeit, Eigenverantwortung oder Teamfähigkeit – die in der Berufsbildung verlangt und gefördert werden, sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt und tragen damit wesentlich zur Einkommensmobilität bei.
«Gerade diese Fähigkeiten – wie Zuverlässigkeit, Eigenverantwortung oder Teamfähigkeit – die in der Berufsbildung verlangt und gefördert werden, sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt.»
Andere Länder kennen ebenfalls Berufsbildung – was macht das Schweizer Modell besonders?
Zum einen ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems ein wesentliches Strukturmerkmal. Im Unterschied zu vielen Ländern mit beruflicher Ausbildung stellt die Berufsbildung in der Schweiz keine Sackgasse dar, sondern erlaubt vielfältige weiterführende Bildungswege und Anschlussmöglichkeiten. Zum andern ist die Qualität der Berufsbildung entscheidend. In zahlreichen Ländern wird beobachtet, dass die Berufsbildung kaum zur Einkommensmobilität beiträgt – teils sogar hinderlich wirkt. Dies ist häufig darauf zurückzuführen, dass berufliche Bildung im Vergleich zur allgemeinbildenden Ausbildung als qualitativ minderwertig wahrgenommen wird oder tatsächlich ist. Ohne eine qualitativ hochstehende Berufsbildung lässt sich das verfassungsrechtliche Prinzip «andersartig, aber gleichwertig» auch nicht einlösen.
Sie kennen die Schweizer Bildungslandschaft wie kaum ein anderer. Wie chancengerecht ist das Schweizer Bildungssystem wirklich?
Gerechter, als man gemeinhin annimmt – aber nicht gerecht genug. Es lässt sich zwar gut argumentieren, dass bei einem im internationalen Vergleich geringen Einfluss des Elternhauses auf das spätere Einkommen auch kein gravierendes Problem der Chancengerechtigkeit im Bildungssystem vorliegen dürfte. Aber es gibt dennoch Optimierungspotenzial.
Wo genau liegt dieses für Sie?
Es erscheint durchaus geboten, den nach wie vor starken sozioökonomischen Einfluss auf die schulischen Leistungen während der obligatorischen Schulzeit zu reduzieren. Dieser starke Einfluss deutet darauf hin, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen in der Schweiz ihr individuelles Potenzial gleich gut entfalten können.
«Es erscheint durchaus geboten, den nach wie vor starken sozioökonomischen Einfluss auf die schulischen Leistungen während der obligatorischen Schulzeit zu reduzieren.»
Garantieren gleiche Leistungen gleiche Chancen?
Nein, wir wissen aus internationalen Studien, dass geringe Leistungsunterschiede zwischen sozialen Gruppen am Ende der Schulzeit noch keine Garantie dafür sind, dass Einkommen später gleichmässig verteilt sind oder dass Kinder aus ärmeren Familien bessere Aufstiegschancen haben. Aber es würde sicherlich nicht schaden, wenn die Schweiz bestehende Potenziale besser und systematischer ausschöpfen würde. Sich nur auf kompensatorische Mechanismen der Sekundarstufe II zu verlassen ist gefährlich und vernachlässigt die zusätzlichen Chancen, die in einer gerechteren Ausschöpfung schulischer Potentiale liegen.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen heute geben: Studium oder Lehre?
Oft wird empfohlen, bei der Bildungswahl den persönlichen Neigungen zu folgen. Grundsätzlich ist gegen diesen Ratschlag wenig einzuwenden – insbesondere in einem Bildungssystem wie dem schweizerischen, das durch eine hohe Durchlässigkeit gekennzeichnet ist und vielfältige Korrekturmöglichkeiten bietet, sollte sich eine erste Wahl als nicht passend erweisen. Mit anderen Worten: Die Entscheidung zwischen Studium und Lehre ist in der Schweiz keine endgültige Weichenstellung, da sich Bildungswege im Nachhinein flexibel gestalten und anpassen lassen.
Dann ist es letztlich egal, wofür man sich entscheidet?
Grundsätzlich ja, aber nur, wenn man die Wahl einer Berufslehre nicht als Abwahl einer späteren Ausbildung auf tertiärer Stufe versteht. Der Schweizer Arbeitsmarkt zeigt einen unablässigen Appetit auf tertiäre Bildungsabschlüsse – diese können aber sowohl über eine gymnasiale wie auch eine berufliche Grundbildung erreicht werden. Die Entscheidung für eine Lehre soll also eine spätere tertiäre Ausbildung nicht ausschliessen, sondern auch bewusst im Hinblick auf weiterführende Optionen getroffen werden.
Mit anderen Worten: Lustprinzip genügt, wenn man sich die Option auf eine Weiterbildung offenhält?
Nicht ganz. Jugendliche sollten ihre Entscheidung nicht ausschliesslich auf ihre Interessen und Neigungen stützen, sondern auch ihre tatsächlichen Fähigkeiten berücksichtigen. Eine Passung zwischen Anforderungen der Ausbildung und individuellen Kompetenzen ist entscheidend – nicht nur für den Ausbildungserfolg, sondern auch im Hinblick auf das spätere Erwerbseinkommen. Misserfolge aufgrund unrealistischer Selbsteinschätzungen können sich langfristig negativ auswirken.
«Jugendliche sollten ihre Entscheidung nicht ausschliesslich auf ihre Interessen und Neigungen stützen, sondern auch ihre tatsächlichen Fähigkeiten berücksichtigen.»
Ganz konkret: Was ist bei der Berufswahl entscheidend?
Die komparativen Vorteile. Aus ökonomischer Perspektive ist die erfolgversprechendste Strategie jene, bei der man in der gewählten Ausbildung im Vergleich zur Konkurrenz den grössten relativen Vorteil aufweist. Es genügt nicht, in einem Bereich «gut» zu sein; entscheidend ist, im Vergleich zu anderen «besser» zu sein. Auch wenn sich solche relativen Stärken vor Ausbildungsbeginn nur schwer abschätzen lassen, liefert der Bildungsverlauf fortlaufend Informationen, die eine realistischere Einschätzung der eigenen komparativen Vorteile ermöglichen.