Tamara, du forschst zur Sozialhilfe in der Schweiz. Was habt ihr euch angeschaut?
Wir wollten wissen, ob die Sozialhilfe in der Schweiz «vererbt» wird. Bleiben Familien über Generationen arm – oder schaffen sie den Ausstieg aus der Armut? Wenn Armut von Eltern auf Kinder übergeht, steht die Chancengleichheit auf dem Spiel – und damit ein zentrales Versprechen unserer Gesellschaft.
Und was habt ihr herausgefunden?
Good News! Sozialhilfe wird zwar von den Eltern auf die Kinder weitergegeben, danach nimmt der Einfluss aber klar ab. Sozialhilfe verfestigt sich in der Schweiz also nicht über Generationen hinweg.
Was heisst das konkret?
Unsere Ergebnisse sind eindeutig: Der grosselterliche Einfluss beträgt nur rund ein Fünftel des elterlichen. Schon in der zweiten Generation schaffen also viele Familien den Ausstieg aus der Sozialhilfe. Dies entspricht auch dem Grundgedanken dieser Institution – sie hilft temporär und ermöglicht den Leuten, wieder Fuss zu fassen im Arbeitsmarkt und auf eigenen Beinen zu stehen.
Warum habt ihr euch konkret die Sozialhilfe angeschaut?
Wir haben die Sozialhilfe untersucht, weil sie zeigt, was am unteren Rand der Gesellschaft passiert – dort, wo das Geld knapp ist. Gerade dort entscheidet sich, ob Chancengleichheit wirklich funktioniert. Bei Bildung oder Einkommen geht es meist um Unterschiede innerhalb der breiten Bevölkerung. Bei der Sozialhilfe aber geht es um die Frage: Hat man überhaupt eine Chance auf Aufstieg?
«Wir haben die Sozialhilfe untersucht, weil sie zeigt, was am unteren Rand der Gesellschaft passiert – dort, wo das Geld knapp ist.»
Das bringt mich gleich zur nächsten Frage – wird Sozialhilfe eher «vererbt» als Einkommen oder die Bildung?
Das ist eine spannende Frage. In der Sozialhilfe hat die Familie mehr Einfluss als beim Einkommen – aber nur kurzfristig, also zwischen Eltern und Kindern. Schaut man eine Generation weiter, wird der Einfluss deutlich kleiner. Bei der Bildung ist das anders: Dort wirkt der familiäre Hintergrund über mehrere Generationen hinweg.
Wie habt ihr die Weitergabe von Sozialhilfe über Generationen überhaupt gemessen?
Dafür haben wir einen neuen, «horizontalen» Forschungsansatz gewählt. Wir vergleichen nicht Grosseltern mit Enkeln, sondern Verwandte derselben Generation – also Geschwister und Cousins.
Und wie lässt sich mit diesem Ansatz erkennen, wie sich Sozialhilfe über mehrere Generationen hinweg weitergibt?
Ganz einfach: Wenn Geschwister Sozialhilfe beziehen, zeigt das den Einfluss der Eltern. Wenn auch Cousins Sozialhilfe beziehen, sieht man den Einfluss der Grosseltern. So lässt sich gut messen, wie stark der familiäre Einfluss mit jeder Generation abnimmt – und wie dauerhaft soziale Herkunft wirkt.
Warum habt ihr nicht einfach direkt Grosseltern und Enkel betrachtet?
Aus zwei Gründen. Zum einen stösst man beim Vergleich von Grosseltern und Enkeln schnell an Grenzen: Ihr Leben spielte sich in völlig unterschiedlichen Zeiten und Sozialsystemen ab. Die Regeln, Leistungen und Voraussetzungen haben sich über die Zeit stark verändert. Unser horizontaler Ansatz umgeht dieses Problem, indem er Verwandte derselben Generation vergleicht – also Menschen, die unter ähnlichen gesellschaftlichen Bedingungen leben.
«Wenn Geschwister Sozialhilfe beziehen, zeigt das den Einfluss der Eltern. Wenn auch Cousins Sozialhilfe beziehen, sieht man den Einfluss der Grosseltern.»
Und was ist der zweite Vorteil?
Wir brauchen dafür deutlich weniger Daten: Ein Vergleich zwischen Grosseltern und Enkeln würde Daten über 60 Jahre erfordern – mit unserem Ansatz genügen 13 Jahre.
Inwiefern ergänzt oder bestätigt eure Untersuchung frühere IWP-Studien zur sozialen Mobilität in der Schweiz?
Mein Mitdoktorand Jonas Bühler hat untersucht, wie stark die Herkunft das Einkommen in der Schweiz beeinflusst – und gezeigt, dass dieser Einfluss viel geringer ist, als gemeinhin angenommen wird. Herkunftsunterschiede erklären nur etwa 17 Prozent der Einkommensunterschiede. Auch beim sozialen Status zeigt sich ein ähnliches Bild: Wie Melanie Häner-Müller und Christoph Schaltegger zeigen, verschwindet der Einfluss der Familie spätestens nach drei Generationen.
Als Doktorandin am IWP befasst du dich intensiv mit Fragen zur sozialen Mobilität. Woran arbeitest du aktuell?
Derzeit untersuche ich, ob grosszügige Sozialhilfeleistungen dazu führen, dass Menschen länger in der Sozialhilfe bleiben – oder ob sie den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt erleichtern. Zudem interessiert mich, wie sich das auf den Lohn beim Wiedereinstieg auswirkt.
Interessant. Und vielversprechend. Zu guter Letzt: Was treibt dich bei deiner Arbeit an?
Mich fasziniert, dass hinter abstrakten Daten reale Lebensgeschichten stehen. Ich möchte verstehen, wie wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen zusammenwirken und unter welchen Bedingungen sozialer Aufstieg möglich ist. Diese Fragen interessieren mich seit meinem Master in Politischer Ökonomie an der Universität Luzern und haben mich dazu veranlasst, am IWP zu promovieren. Wenn Forschung sichtbar machen kann, wo soziale Mobilität gelingt und wo sie scheitert, leistet sie einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengleichheit in der Schweiz.