«Der Blick auf die Ungleichheit ist meist verzerrt,» sagt Daniel Waldenström, Professor für Ökonomie am Research Institute of Industrial Economics in Stockholm. Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger, Direktor des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern, erklärt er, warum die weitverbreitete Vorstellung einer ungebrochen wachsenden globalen Ungleichheit zu kurz greife – und in dieser Pauschalität schlicht falsch sei. Nur in den USA sind die Spitzeneinkommen seit den 1980er-Jahren stark gestiegen; in den meisten anderen westlichen Ländern hat sich die Entwicklung stabilisiert.
Doch auch wer nur auf die Einkommen schaut, sehe noch nicht das ganze Bild – entscheidend sei der Unterschied zwischen Löhnen vor und nach staatlicher Umverteilung. Zwar hätten sich die Löhne auseinanderentwickelt, doch Steuern und Transfers glichen dies wieder aus, wodurch die verfügbaren Einkommen wesentlich gleichmässiger verteilt seien als oft angenommen. Ähnliches gelte auch beim Vermögen. Neue Datensätze zeigten, dass breite Bevölkerungsschichten heute stärker an Unternehmen, Aktien oder Immobilien beteiligt seien als noch vor einigen Jahrzehnten – indirekt über Pensionskassen oder direkt über Wohneigentum. Von steigenden Aktienkursen profitiere daher längst nicht mehr nur eine kleine Minderheit.
Langfristig ist der Westen nicht nur reicher, sondern auch gleicher geworden. Diese Erkenntnisse legt Waldenström in seinem Buch Richer and More Equal: A New History of Wealth in the West (2024) ausführlich dar.
Weitere Themen des Gesprächs sind:
- Warum Erbschaften die Ungleichheit weniger stark erhöhen als oft behauptet.
- Wie die Schweiz im internationalen Vergleich bei der Ungleichheit dasteht.
- Wie Vermögenssteuern im Optimalfall ausgestaltet sein sollten.