Die Diskussion über Ungleichheit ist allgegenwärtig und wird häufig von internationalen Entwicklungen geprägt, die eine zunehmende Kluft bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen vermuten lassen. Doch wie sieht es in der Schweiz aus? Um den speziellen Schweizer Kontext zu verstehen, braucht es eine faktenbasierte Analyse. Genau hier setzt der IWP-Verteilungsradar 2024 an: Er analysiert umfassend die Einkommens- und Vermögensverteilung in der Schweiz, beleuchtet sowohl aktuelle Herausforderungen wie auch langfristige Entwicklungen.
Aus dem Verteilungsradar lassen sich unter anderem folgende Erkenntnisse festhalten:
1. Die Einkommensungleichheit in der Schweiz ist seit rund 100 Jahren stabil. Auch in den jüngsten Jahren hat sich daran nichts geändert. Im Schnitt vereinen die Top-10% Verdiener rund 30% aller Einkommen auf sich, während die obersten 1% etwa 10% des Gesamteinkommens erwirtschaften.
2. Ein Ländervergleich zeigt, dass die Markteinkommen (vor Umverteilung) in der Schweiz besonders gleichmässig verteilt sind. Nach der Umverteilung liegt die Schweiz im OECD-Mittelfeld. Dies lässt darauf schliessen, dass in der Schweiz weniger umverteilt wird – vermutlich, weil die Einkommensungleichheit bereits vor der Umverteilung gering ausfällt.
3. Die langfristige Stabilität und die vergleichsweise geringe Einkommensungleichheit vor Umverteilung in der Schweiz sind das Ergebnis zentraler institutioneller Faktoren: ein flexibler Arbeitsmarkt, das anpassungsfähige duale Bildungssystem, das föderale Einkommensteuersystem und die direkte Demokratie.
4. Mit der Einkommenskonzentration geht eine erhebliche Konzentration des Steueraufkommens einher. Die obersten 10% der Einkommensbezüger zahlen 54,5% der gesamten Bundes-, Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern. Das oberste 1% der Einkommen steuert sogar 23,2% des Steueraufkommens bei. Rund ein Viertel der Haushalte ist von der direkten Bundessteuer befreit. Diese starke Abhängigkeit von den Top-Einkommen birgt ein Klumpenrisiko für die Steuereinnahmen, insbesondere in Niedrigsteuerkantonen wie Zug und Schwyz, die eine hohe Konzentration an Topeinkommen aufweisen.
5. Während die tatsächliche Einkommensungleichheit stabil bleibt, nimmt die wahrgenommene Ungleichheit in der Bevölkerung zu. Das traditionelle Bild der Mittelstandsgesellschaft gerät in der öffentlichen Diskussion zunehmend unter Druck. Dies hat gerade in einer direkten Demokratie verteilungspolitische Konsequenzen, da sie steigende Umverteilungspräferenzen begünstigt. Die Zustimmung zur Aussage, dass die Regierung die Einkommensunterschiede verringern sollte, ist in der Bevölkerung seit 1987 von 12 % auf 22,8 % gestiegen.
6. Die Vermögensungleichheit in der Schweiz ist vergleichsweise hoch und hat seit den 2000er Jahren zugenommen. Die Gründe dafür sind die Buchwertsteigerungen von Wertschriften und Immobilien sowie der Zufluss ausländischen Vermögens. Dies resultierte jedoch nicht in einem Anstieg der Kapitaleinkommen: Der Anteil des Vermögenseinkommens am gesamten Einkommen privater Haushalte blieb mit rund 10% relativ konstant. Dadurch blieb auch die Einkommensungleichheit trotz wachsender Vermögenskonzentration stabil, sodass kein zusätzlicher Umverteilungsbedarf entstand.
Der Verteilungsradar ist eine zentrale Ressource für die politische und gesellschaftliche Debatte über Ungleichheit in der Schweiz. Er liefert fundierte Einblicke in die historischen Entwicklungen und bietet zugleich eine sachliche Einordnung der aktuellen Verteilungssituation. Damit unterstützt er informierte politische Entscheidungen und ergänzt emotionale Diskussionen durch faktenbasierte Analysen.