«Die entscheidende Frage in der Zuwanderungsdebatte lautet nicht, ob die Wirtschaft wächst, sondern ob der einzelne Einwohner tatsächlich bessergestellt wird», hat Prof. Dr. Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz in seinem Vortrag am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern gesagt. Der Ökonom und Glücksforscher legte eine nüchterne Bilanz vor: Die Zuwanderungsdebatte werde zu laut, zu moralisierend – und am falschen Ort geführt. Im Kern ging es Binswanger um eine Unterscheidung, die in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommt: jene zwischen Wachstum und Wohlstand.
Die Zuwanderung steigere die Schweizer Wirtschaftsleistung – das sei unbestritten. Entscheidend sei aber, was beim Einzelnen ankomme. Und hier falle die Bilanz bescheiden aus: Seit Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 wuchs die Wirtschaft bis 2023 jährlich um durchschnittlich 1,84 Prozent. Der Pro-Kopf-Wohlstand stieg aber nur um 0,9 Prozent. Die andere Hälfte des Wachstums sei auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen. Dieses Wachstum habe konkrete Folgen: Es verknappe Wohnraum, belaste Strassen, Schulen und die Gesundheitsversorgung. Wachse die Bevölkerung rasch, könnten diese Bereiche oft nicht schnell genug ausgebaut werden – und kämen an ihre Grenzen. Zudem seien dem Ausbau Grenzen gesetzt, weil der Raum in der Schweiz knapp sei.
Binswangers Schluss ist kein Plädoyer für Abschottung, sondern für Klarheit. Der Fachkräftemangel sei zu wesentlichen Teilen hausgemacht. Das Bildungssystem orientiere sich am «mittelmässigen Akademiker» statt an exzellenten Fachleuten. Die paradoxe Folge: In denselben Branchen, in denen Zuwanderung Lücken fülle, seien zugleich einheimische Arbeitslose registriert. Entscheidend sei vielmehr, wie viel Zuwanderung ein Land verkrafte, ohne dass Pro-Kopf-Wohlstand und Lebensqualität darunter leiden würden. Damit verbunden sei eine Grundsatzfrage, die Binswanger bewusst offenliess: Will die Schweiz für etwas mehr Wachstum die Häusli-Schweiz gegen eine Hochhaus-Schweiz eintauschen?
Weitere Themen des Vortrags:
- Warum der Wachstumszwang strukturell bedingt ist – und weshalb Nullwachstum keine realistische Alternative darstellt.
- Wie das frühere Saisonnier-Statut eine zielgenaue Steuerung der Zuwanderung ermöglichte – und was seit der Personenfreizügigkeit anders wurde.
- Weshalb es in einzelnen Branchen gleichzeitig Zuwanderung und einheimische Arbeitslosigkeit gibt.