Der familiäre Hintergrund prägt den späteren Lebensweg eines Menschen – aber in der Schweiz deutlich weniger stark, als oft angenommen wird. Das zeigt eine neue Studie von Jonas Bühler, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Review of Income and Wealth veröffentlicht wurde. Die Studie untersucht auf Basis von anonymisierten Steuer- und Sozialversicherungsdaten, wie stark die Familie den späteren wirtschaftlichen Erfolg beeinflusst – und welche Merkmale des Elternhauses diesen Einfluss erklären können.
Geschwister als Mass für familiären Einfluss
Soziale Mobilität wird üblicherweise daran gemessen, wie stark das Einkommen der Eltern mit dem späteren Einkommen ihrer Kinder zusammenhängt. Die Studienautoren wählen einen innovativen Weg: Sie untersuchen, wie ähnlich sich Geschwister in ihrem späteren Einkommen sind. Damit lässt sich der Einfluss des gesamten familiären Hintergrunds breiter erfassen als mit einem reinen Eltern-Kind-Vergleich. Denn Geschwister haben nicht nur dieselben Eltern, sondern wachsen häufig auch in derselben Gemeinde auf, besuchen ähnliche Schulen und teilen ein vergleichbares soziales Umfeld.
Die Analyse von knapp 700'000 Personen zeigt: Der familiäre Hintergrund erklärt in der Schweiz nur 16.2 Prozent der Einkommensunterschiede. Mehr als 80 Prozent der Unterschiede gehen auf andere Faktoren zurück – etwa auf eigene Entscheidungen, Talente oder Glück. Das deutet auf eine hohe gesellschaftliche Durchlässigkeit hin. In vielen anderen westlichen Ländern spielt die Familie eine deutlich grössere Rolle: In Deutschland erklärt der familiäre Hintergrund rund 43 Prozent der Einkommensunterschiede, in den USA sogar 49 Prozent.
Die üblichen Erklärungen greifen zu kurz
Ein weiterer Befund der Studie ist ebenso bemerkenswert: Die üblichen Erklärungen greifen nur begrenzt. Die Autoren prüfen elf Merkmale des Elternhauses – darunter Einkommen, Bildung, Herkunft, Familiengrösse, Erwerbsstatus, Muttersprache, Wohnort und Sprachregion. Zusammen erklären diese Faktoren weniger als 12 Prozent des gemessenen Familieneinflusses.
Auch zusätzliche Angaben aus dem Swiss Household Panel, etwa zu politischen Einstellungen, sozialen Kontakten, Gesundheit oder Lesegewohnheiten der Eltern, ändern daran wenig. Der Befund ist deshalb kein Schwachpunkt der Studie, sondern eine gute Nachricht: Viele Faktoren, die in Debatten über ungleiche Chancen oft im Zentrum stehen, erklären den familiären Einfluss in der Schweiz nur zu einem kleinen Teil. Das spricht dafür, dass diskriminierende Merkmale für den wirtschaftlichen Aufstieg hierzulande keine entscheidende Rolle spielen.
Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz gut ab
Der gemessene familiäre Einfluss bleibt gering – unabhängig davon, ob das Einkommen in verschiedenen Phasen des Erwerbslebens betrachtet wird, die tiefsten Einkommen ausgeschlossen werden oder Brüder und Schwestern getrennt analysiert werden. Auch eine klassische Eltern-Kind-Messung bestätigt das Bild: In der Schweiz liegt ein Kind aus der einkommensschwächsten Familie im Erwachsenenalter im Schnitt nur 15 Einkommensränge hinter einem Kind aus der wohlhabendsten Familie. In den USA sind es 34 Ränge, in Deutschland 32, in Frankreich 30 und in Dänemark 20. Die Schweiz weist damit im internationalen Vergleich eine hohe Einkommensmobilität auf.