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Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger, Direktor Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern 23. Februar 2026

Den Schweizer Familien geht es gut.

Mother pulls daughter on sledge

Worum geht es?

Es gehört in der medialen Diskussion zum guten Ton, die Schweiz als Entwicklungsland punkto Familienpolitik anzuklagen. An allen Fronten wurden daher in den letzten Jahren fleissig Ausbaupläne geschmiedet. Vorschläge wie die Verstetigung der familienexternen Kinderbetreuung auf Bundesebene konnten daher bis vor kurzem auf grosse Unterstützung zählen – mit Argumenten, die wahlweise die Gleichstellung der Geschlechter, die stärkere Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt oder mangelnde Fertilität bemühten. Wer auf die mangelnde Effektivität solcher Massnahmen hinwies, schien aus der Zeit gefallen. Hochkonjunktur für den politischen Hedonismus.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die geo-strategische Lage allerdings grundlegend verändert und damit die finanziellen Spielräume. Verteidigungsausgaben steigen, Prioritäten verschieben sich. In Zeiten angespannten Finanzhaushalts gilt es genau hinzuschauen, bevor weiteren Ausbauplänen das Wort gesprochen wird. Und zwar bei allen Ausgaben.

Warum zählt es?

Deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Schweizer Familienpolitik. Gemeinsam mit Melanie Häner-Müller und Nina Kalbermatter habe ich die wissenschaftlichen Ergebnisse zu den mannigfaltigen Massnahmen zusammengefasst. Seit Mitte der 1990er Jahre bewegt sich der Anteil der öffentlichen Ausgaben für Familien stabil zwischen 1 und 2 Prozent der Gesamtausgaben. In Frankreich, Deutschland oder Österreich liegen die entsprechenden Werte bei 3 bis 5 Prozent, in Luxemburg sogar bei 8 bis 9 Prozent. Aber ist mehr immer besser?

Das Subsidiaritätsprinzip im Schweizer Bundesstaat relativiert zentrale Steuerungsfantasien. Tatsächlich: 2023 beliefen sich die familienbezogenen Ausgaben beim Bund auf rund 257 Millionen Franken. Die Kantone gaben rund 2,6 Milliarden Franken aus, die Gemeinden etwa 2,2 Milliarden Franken. Der Bund spielt also folgerichtig finanziell eine vergleichsweise bescheidene Rolle. Die grossen Hebel liegen dezentral.

Bemerkenswert ist, dass diese moderate Ausgabenpolitik allerdings mit guten Resultaten einhergeht. Die Armutsquote von Haushalten mit Kindern liegt bei rund 6 Prozent – deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 12,1 Prozent. Paare mit Kindern sparen im Schnitt rund 22 Prozent ihres Bruttoeinkommens und damit nahezu gleich viel wie kinderlose Paare (23 Prozent). Selbst im untersten Einkommensquintil verbleibt im Durchschnitt eine – wenn auch geringe – Sparquote von rund 4 Prozent.

Auch die soziale Mobilität ist hoch. Der Zusammenhang zwischen dem Einkommensrang der Eltern und jenem der Kinder beträgt in der Schweiz lediglich 0,14 – deutlich weniger als in den USA (0,34) oder Italien (0,25). Der Einfluss des familiären Hintergrunds auf das spätere Einkommen liegt seit rund 40 Jahren konstant bei etwa 17 Prozent und zählt international zu den tiefsten Werten. Hinzu kommt eine hohe subjektive Zufriedenheit: In internationalen Befragungen berichten Schweizer Eltern überdurchschnittlich häufig, finanziell gut oder eher gut zurechtzukommen.

Der akute Handlungsbedarf in der Schweiz, den manche weiter anmahnen, ist somit fraglich. Ausserdem sollte die Politik unterscheiden zwischen politisch wünschbaren Ausbauten und empirisch belegter Wirksamkeit in der Familienpolitik.

«Der akute Handlungsbedarf in der Schweiz, den manche weiter anmahnen, ist somit fraglich.»

Christoph A. Schaltegger

Nehmen wir die Elternzeit. Die Schweiz kennt heute 14 Wochen Mutterschafts- und 2 Wochen Vaterschaftsurlaub bei 80 Prozent Lohnersatz (gedeckelt bei 220 Franken pro Tag). 2023 kostete der Mutterschaftsurlaub rund 902 Millionen Franken, der Vaterschaftsurlaub rund 158 Millionen Franken. Eine Ausweitung auf je 18 Wochen – wie sie derzeit politisch diskutiert wird – hätte allein 2023 Mehrkosten von rund 258 Millionen Franken beim Mutterschaftsurlaub (+29 Prozent) und rund 1,25 Milliarden Franken beim Vaterschaftsurlaub (+800 Prozent) verursacht.

Die internationale Evidenz zeigt jedoch: Positive Arbeitsmarkteffekte für Mütter treten vor allem bei kurzen bis mittleren Auszeiten von vier bis sieben Monaten auf. Längere Unterbrüche wirken tendenziell negativ auf Erwerbsintegration und Lohnentwicklung. Für Väter erhöht die Elternzeit zwar die Beteiligung an der Betreuung, nachhaltige Einkommens- oder Karriereeffekte sind jedoch kaum nachweisbar. Wer fiskalische Prioritäten neu ordnen will, findet hier zumindest Argumente gegen kostspielige Ausbauprojekte mit begrenztem Zusatznutzen.

«Positive Arbeitsmarkteffekte für Mütter treten vor allem bei kurzen bis mittleren Auszeiten von vier bis sieben Monaten auf.»

Christoph A. Schaltegger

Ähnlich ambivalent fällt die Bilanz bei der subventionierten Kinderbetreuung aus. Heute werden in der Schweiz 74 Prozent der Kinder unter 13 Jahren zumindest teilweise fremdbetreut. Institutionelle Angebote nutzen jedoch vor allem Haushalte mit mittleren und höheren Einkommen. Die öffentlichen Ausgaben für familienergänzende Betreuung betragen im Vorschul- und schulergänzenden Bereich zusammen rund 489 Millionen Franken pro Jahr.

Im internationalen Vergleich investiert die Schweiz rund 0,5 Prozent des BIP in frühkindliche Bildung und Betreuung; der OECD-Durchschnitt liegt bei 0,8 Prozent, Schweden bei fast 1,6 Prozent. Gleichzeitig tragen Eltern hierzulande häufig mehr als 50 Prozent der Betreuungskosten selbst. Für Doppelverdiener-Haushalte mit rund 167 Prozent des Durchschnittseinkommens können die Nettokosten bis zu 25 Prozent des Familieneinkommens betragen – mehr als doppelt so viel wie im OECD-Schnitt.

Die politische Forderung nach einem Ausbau und einer Vergünstigung von Betreuungsplätzen besteht daher latent fort. Doch die damit erzielte Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Müttern ist meist moderat: Eine Senkung der Betreuungskosten um 10 Prozent steigert die Erwerbsbeteiligung gemäss internationalen Metaanalysen im Durchschnitt um lediglich 0,5 bis 2,5 Prozent. Gleichzeitig reduzieren Väter ihr Pensum häufig, sodass sich der Effekt auf das Haushaltseinkommen relativiert. Für Kinder aus benachteiligten Familien können qualitativ hochwertige Angebote die Bildungschancen zwar messbar verbessern – doch gerade diese Gruppen nutzen institutionelle Betreuung unterdurchschnittlich. Pauschale Subventionen bergen deshalb erhebliche Mitnahmeeffekte.

Auch bei den finanziellen Transferleistungen lohnt sich Differenzierung. 2023 beliefen sich die Ausgaben für Familienzulagen auf rund 6,6 Milliarden Franken. Der schweizweite Mindestanspruch beträgt 215 Franken pro Monat für Kinder und 268 Franken für Jugendliche in Ausbildung. Steuerliche Entlastungen – etwa für Drittbetreuungskosten – führen zusätzlich zu Mindereinnahmen von rund 0,5 Prozent des BIP, verglichen mit einem OECD-Durchschnitt von 0,21 Prozent.

Was daraus folgt

Wir sollten uns klarmachen: Auch wenn in Umfragen rund 50 Prozent der unter 40-Jährigen ein partnerschaftliches Teilzeitmodell als Ideal nennen, leben weniger als 9 Prozent der Familien tatsächlich dieses Modell. Politische Instrumente können Rahmenbedingungen verändern, doch kulturelle Normen sprechen gelegentlich eine andere Sprache. Wer glaubt, mit Milliardenbeträgen strukturelle Rollenmuster grundlegend transformieren zu müssen, überschätzt die Gestaltungskraft des Staates und setzt sich dem Vorwurf des Paternalismus aus.

«Wer glaubt, mit Milliardenbeträgen strukturelle Rollenmuster grundlegend transformieren zu müssen, überschätzt die Gestaltungskraft des Staates und setzt sich dem Vorwurf des Paternalismus aus.»

Christoph A. Schaltegger

Vor diesem Hintergrund besteht kein belastbarer Grund für massive Ausbauten in der Familienpolitik. Vielmehr ist Augenmass gefragt – Verzicht auf kostspielige Expansion, gezielte und dezentrale statt pauschale Unterstützung, Stärkung von Erwerbsanreizen.

Die sicherheitspolitische Zeitenwende zwingt zu Prioritätensetzung. Die empirischen Untersuchungen zur Familienpolitik zeigen: Mehr Staat bringt nicht automatisch bessere Familienpolitik. Wer Mittel für neue Aufgaben nutzen will, tut gut daran, zwischen wirksamer Unterstützung und symbolischer Expansion zu unterscheiden.