«Die Weimarer Republik ist nicht an einem einzigen Tag gescheitert. Sie wurde über Jahre ausgehöhlt, bevor sie fiel», hat Prof. Dr. Jörn Leonhard von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau in seinem Vortrag am 16. April 2026 am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern gesagt. Der Historiker für neuere und neueste Geschichte warnte davor, den Niedergang der Demokratien der Zwischenkriegszeit als unausweichliches Schicksal zu betrachten. Vielmehr zeige der historische Vergleich, dass Demokratien nicht an ihren Feinden allein zugrunde gingen – sondern daran, dass ihre eigenen Träger den Glauben an sie verloren.
Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die Frage, weshalb die nach 1918 neu entstandenen Demokratien in Europa so rasch unter Druck gerieten. Der scheinbare Siegeszug der Massendemokratie nach dem Ersten Weltkrieg sei von Beginn an fragil gewesen, erklärte Leonhard. Die neuen Republiken hätten unter einer doppelten Last gestanden: einerseits die enormen sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen der Nachkriegszeit, andererseits ein tiefes Misstrauen gegenüber parlamentarischen Institutionen, die vielen Zeitgenossen als ineffizient, korrupt und orientierungslos erschienen. Demokratie sei in dieser Phase nicht als Errungenschaft erlebt worden, sondern als aufgezwungenes Provisorium.
Entscheidend für den Fortbestand oder den Zusammenbruch demokratischer Systeme sei letztlich die Fähigkeit zum Kompromiss gewesen, betonte Leonhard. Demokratien wie Grossbritannien und die skandinavischen Staaten hätten gerade deshalb überlebt, weil ihre politischen Kulturen über eingespielte Praktiken des Ausgleichs verfügten. Wo diese fehlten – wie in Deutschland, Italien oder Polen –, habe sich die Krise zur Staatskrise ausgeweitet. Demokratie sei, wie der französische Staatstheoretiker Alexis de Tocqueville bereits im 19. Jahrhundert erkannte, keine blosse Verfassungsform, sondern eine im Alltag verankerte Haltung und Gewohnheit. Gehe dieses Fundament verloren, nützten auch die besten Institutionen wenig.
Ausserdem erfahren Sie im Video:
- Wie sich Demokratiekritik in den 1920er Jahren in unterschiedlichen Mustern – von der Historisierung bis zur autoritären Umdeutung – manifestierte.
- Weshalb weder Italien 1922 noch Deutschland 1933 klassische Staatsstreiche waren, sondern Beispiele für die schleichende Selbstaufgabe der Demokratie von innen.
- Welche Faktoren die Resilienz von Demokratien in der Zwischenkriegszeit erklären.