Wie viel Einfluss haben unsere Entscheidungen wirklich auf unseren Lebensweg? Sind es Talent und Fleiss, die den persönlichen Erfolg bestimmen, oder spielen die Bedingungen, in die wir hineingeboren werden, eine entscheidendere Rolle? In einer liberalen Gesellschaft ist die Frage zentral, wie stark der familiäre Hintergrund die Auf- und Abstiegschancen prägt.
Ende der 1990er Jahre bezeichnete der bekannte US-Ökonom Gary Solon die Ähnlichkeit der Einkommen innerhalb von Familien als ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Dies nahmen Jonas Bühler MA, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger zum Anlass, um den familiären Einfluss in der Schweiz auf den eigenen Erfolg eingehend zu untersuchen. Ihre Ergebnisse haben sie in einem neuen Working Paper veröffentlicht.
Jenseits der Eltern-Kind-Beziehung
In ihrer Studie verfolgen Bühler, Häner-Müller und Schaltegger einen neuen Ansatz zur Messung des familiären Einflusses auf die soziale Mobilität. Die Autoren untersuchen, wie ähnlich sich Geschwister in ihrem Einkommen sind, und erweitern damit den klassischen Vergleich des sozialen Status zwischen Eltern und Kinder. Geschwister teilen sich weit mehr als den Einfluss des Elternhauses. Sie wachsen im gleichen Umfeld auf, besuchen oft auch die gleichen Schulen und bewegen sich in denselben sozialen Netzwerken. Dies ermöglicht es, das gesamte familiäre Umfeld und die geteilten Lebensumstände einzubeziehen und damit den familiären Einfluss umfassender zu messen. Je stärker diese Faktoren wirken, desto ähnlicher ist der soziale Status von Geschwister.
Die soziale Mobilität in der Schweiz ist hoch
Die Analyse von über 1,1 Millionen Beobachtungen aus 23 verschiedenen Geburtsjahrgängen zeigt, dass der familiäre Hintergrund in der Schweiz nur 15% der Einkommensunterschiede erklärt. Dies unterstreicht die Bedeutung persönlicher Entscheidungen und Anstrengungen für den sozialen Status und deutet auf eine hohe gesellschaftliche Durchlässigkeit hin. Was zuvor bereits für Eltern-Kind-Zusammenhänge gezeigt werden konnte, bestätigt sich somit auch bei der umfassenden Messung des familiären Einflusses. Damit reiht sich die Schweiz in die Gruppe der skandinavischen Länder ein, die für ihre hohe soziale Mobilität bekannt sind. Dies im Unterschied zu vielen anderen westlichen Ländern – wie etwa Deutschland (43%) oder den USA (49%) –, wo der familiäre Hintergrund eine viel wichtigere Rolle spielt.
Was treibt den familiären Einfluss?
Auf der Suche nach den Faktoren, die den familiären Einfluss auf den individuellen Erfolg bestimmen, stellen die Autoren fest, dass das Einkommen der Eltern nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ebenso erklären Merkmale wie Nationalität, Zivilstand oder Wohnort nur einen kleinen Teil dieses Einflusses. Welche Faktoren den familiären Einfluss tatsächlich prägen, bleibt unklar. Fest steht jedoch: Die gemeinhin angenommenen Erklärungen sind es nicht. Auch dies deutet auf eine durchlässige Gesellschaft hin, in der der familiäre Einfluss nur gering mit Aspekten verknüpft ist, die der Chancengleichheit entgegenstehen.