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Von Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger, Direktor IWP 01. Februar 2023

Lohnprämie für Staatsangestellte: 12% Bürokratie-Bonus beim Bund.

Majestetisch thrront das Bundehaus über der historischen Altstadt von bern. Im Hintergrund leuchtet das Jungfraus-Massiv.

WORUM GEHT ES

Der Bund beschäftigt viel sehr gut ausgebildetes Personal – und das wird gut bezahlt: Der mittlere Jahreslohn in der Bundesverwaltung beträgt rund 120'000 Franken für ein Vollzeitpensum. Das ist deutlich mehr als in der Privatwirtschaft, wo es knapp 90'00 Franken sind. Viel spannender wird der Lohnvergleich, wenn man Personen mit dem gleichen Alter, Geschlecht, Ausbildung und weiteren identischen Merkmalen betrachtet. Im Mittel verdient ein Bundesangestellter rund 14'000 Franken oder 12% mehr als sein «statistischer Zwilling» in der Privatwirtschaft. Damit erhält er quasi einen 14. Monatslohn. Eine solche Lohnprämie der Bundesangestellten – in der Forschung als Public-Private-Pay-Gap beschrieben – bleibt nicht ohne Folgen für den Arbeitsmarkt.

WARUM ES ZÄHLT

Staatswachstum, Stellenwachstum und überhöhte Löhne: das sind Reizwörter in der öffentlichen Debatte. Fakt ist: von drei Franken, die in der Schweiz erwirtschaftet werden, geht einer durch die Hände des Staates – und die anderen beiden werden durch ihn beeinflusst. Dafür braucht der Staat Personal. Immer mehr Personal. Und die wachsende Zahl von Verwaltungsmitarbeitern verursacht eine wachsende Lohnrechnung. Wofür und wie der Staat auf den volkswirtschaftlichen Pool der Beschäftigten zugreift, ist zwar das Ergebnis eines gesellschaftspolitischen Diskurses. Dieser muss aber faktenbasiert sein, und dafür braucht es Zahlen und Daten.

Für diese Zahlen interessieren sich nicht nur die Steuerzahler, die den Staat finanzieren, sondern auch andere Arbeitgeber und Bildungsanbieter. Denn der Staat ist der grösste und in vielen Belangen auch der wichtigste Arbeitgeber der Schweiz – mithin also auch Taktgeber auf dem Arbeits- und Bildungsmarkt.

«Wenn der grösste Arbeitgeber systematisch mit hohen Löhnen werben kann, verzerrt dies einen fairen Wettbewerb.»

Christoph A. Schaltegger

Private Arbeitgeber sehen sich auf der Suche nach jungen Arbeitskräften gezwungen, die Löhne über die Marktlöhne anzuheben. Und die jungen Talente entscheiden sich für Studienfächer, die sie nicht gewählt hätten, wenn der Staat als Arbeitgeber nicht die entsprechend attraktiven Stellen geschaffen hätte.

In der wissenschaftlichen Literatur werden die systematischen Lohnunterschiede zwischen öffentlichem und privatem Sektor seit längerem diskutiert. Nach der ökonomischen Theorie müssen sich private Unternehmen bei ihren Löhnen am Wachstum der Produktivität orientieren, um diese finanzieren und also als Firma bestehen zu können. Im Gegensatz dazu hat der öffentliche Sektor das Privileg, die Haftung auf die Steuerzahler zu übertragen. Der Zusammenhang mit dem Produktivitätswachstum ist also ein sehr loser.

Der staatliche Lohnsetzer kann es sich erlauben, nicht ausschliesslich Effizienzkriterien zu berücksichtigen, sondern auch politische Argumente zu gewichten. Der angesehene Arbeitsmarkt- und Migrationsforscher George Borjas hat sich bereits in den 1980er Jahren mit diesen Fragen befasst. Er hat überzeugende Evidenz dafür vorgebracht, dass eine an der Wiederwahl interessierte Regierung allen Grund hat, die Staatsbediensteten mit hohen Löhnen günstig zu stimmen. Denn die Verwaltung übt einen grossen Einfluss auf die Staatsaktivitäten aus, von deren Qualität wiederum die Wiederwahlwahrscheinlichkeit der Regierung abhängt.

Der kubanisch-amerikanische Ökonom George J. Borjas (*1950) stellte fest, dass Lohnerhöhungen in der Verwaltung in Wahljahren überdurchschnittlich hoch sind (Bild: Wikipedia).

DIE EVIDENZ

In der aktuellen Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) habe ich zusammen mit Dr. Marco Portmann und Frederik Blümel den Public-Private-Pay-Gap, den die ökonomische Literatur in den meisten Industrienationen feststellt, für die Schweiz mit aktuellen Daten vermessen. Wir haben damit eine wichtige Forschungslücke geschlossen. Die folgende Abbildung zeigt das klare Resultat unserer Lohnanalyse. Wie ist die Abbildung zu lesen? Die vertikale Achse gibt an, wie viel mehr (in Prozent) ein Verwaltungsmitarbeiter im Vergleich zu einer gleichen bzw. ähnlichen Arbeitskraft in der Privatwirtschaft verdient. Auf der horizontalen Achse sind die individuellen Bruttoerwerbseinkommen pro Jahr (in Tausend Franken) abgebildet.

Der Lohn von Bundesangestellten ist durchs Band höher als jener ihrer «statistischen Zwillinge» in der Privatwirtschaft. In anderen Worten, die Bundesverwaltungen belohnen die Angestellten mit einer bemerkenswerten Lohnprämie. Für den Medianlohn beträgt sie 12% - dieser entspricht beim Bund einem Bruttojahreseinkommen für eine Vollzeitstelle von rund 120’000 Franken. Der Median trennt die Arbeitskräfte in zwei gleich grosse Gruppen, deren Löhne entweder unter oder über dem Medianlohn liegen.

DARAUS FOLGT

Die Lohnunterschiede zwischen privatem und öffentlichem Sektor haben aufgrund der Grösse des öffentlichen Sektors auch gesellschaftliche Konsequenzen. Ich möchte hier drei Punkte besonders hervorheben.

  1. Die höheren Löhne beim Bund steuern im Verbund mit Faktoren wie der Jobsicherheit, Pensionskassenleistungen und Attraktivität der Tätigkeit den Arbeitsmarkt. Für das Vereinigte Königreich und die USA konnten Studien bei Arbeitssuchenden nachweisen, dass diese auf attraktive Stellen im öffentlichen Sektor zuwarten und freie Stellen in der Privatwirtschaft ausschlagen. Für private Unternehmen wird dadurch die Besetzung ihrer freien Stellen und letztlich auch der Aufschwung nach Rezessionen erschwert. Sie sind vom Fachkräftemangel besonders betroffen und rekrutieren vermehrt aus dem Ausland.
  2. Für zahlreiche OECD-Länder ist belegt, dass vergleichsweise hohe Löhne im öffentlichen Sektor auch Aufwärtsdruck auf die Löhne in der Privatwirtschaft erzeugen. Das treibt das allgemeine Preisniveau und schwächt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Firmen. Die Verzerrung durch systematische Lohnunterschiede macht sich zudem auch bei den Bildungsentscheidungen bemerkbar, wo der Fokus stärker auf den Staat als Arbeitgeber ausgerichtet wird.
  3. Auch die Anzeichen für eine Zunahme des Vollzugsföderalismus sind ernst zu nehmen: der Bund entscheidet – Kantone und Gemeinden führen nur noch aus. Im dezentral organisierten Staatswesen der Schweiz beschäftigen die Kantons- und Gemeindeverwaltungen rund sieben Mal so viele Vollzeitangestellte wie die Bundesverwaltung. Die Verwaltungsausgaben beim Bund wuchsen jedoch stärker als bei den Gemeinden und Kantonen. Der Bund stellt mehr hochbezahlte Akademiker ein: Spezialisten, die analysieren, planen, beauftragen, finanzieren und kontrollieren, während die Kantone dies umsetzen.

Der Public-Private-Pay-Gap ist zunächst bloss eine abstrakte Zahl – 12%. Doch verbergen sich hinter ihr relevante wirtschaftspolitische Fragen, die offen und ehrlich diskutiert gehören. Hierzu möchten wir mit unserer Forschung einen Beitrag leisten.