Wird die Schweiz immer wirtschaftsfeindlicher? Was ist mit den Wirtschaftsverbänden, die einst eine grosse Macht innehatten? Und hat eine Mehrheit der Bürger womöglich vergessen, worauf der Wohlstand des Landes beruht? Der renommierte Ökonom und Glücksforscher Professor Dr. Dr. hc. mult. Bruno S. Frey hat in einem grossen «Blick»-Interview mit Dr. René Scheu, Geschäftsführer des IWP, über die Zukunftsfragen der Schweiz (und darüber hinaus) gesprochen.
Freys Diagnose: Das Misstrauen der breiten Bevölkerung gegenüber der Wirtschaft steige in der Schweiz tatsächlich. Dafür nennt er zwei Ursachen. Einerseits ist die Zahl der Staatsangestellten absolut und relativ zur arbeitenden Bevölkerung gewachsen. Und die Beamten würden naturgemäss mehr ans Verteilen als ans Erwirtschaften des Geldes denken. Und zweitens: Die Empirie zeige einen Gender Gap im Wahlverhalten – Frauen stünden staatlichen Lösungen in umwelt-, sozial- oder geschlechterpolitischen Fragen insgesamt positiver gegenüber als Männer.
Zugleich nimmt Bruno S. Frey die Wirtschaftsvertreter in die Verantwortung. Die Mehrheit der Schweizer arbeitet in Kleinunternehmen. Da sei es wenig glaubhaft, dass die medial sichtbaren Wirtschaftsverbände, in denen vor allem die Grossunternehmen und ihre Manager organisiert sind, für die Interessen der Schweiz einstehen. Frey fordert mehr Engagement der Kleinunternehmer:
Eine wichtige Rolle, so Frey, spiele auch die Politik. Wenn immer weniger Berufsleute und dafür immer mehr Akademiker im Parlament sitzen, wachse die Distanz zwischen den Parteien und dem Stimmvolk. Um sicherzustellen, dass die Politik sich wieder mehr den Problemen der Durchschnittsbürger widmet, fordert Frey eine dritte Kammer – zusammengesetzt aus normalen Bürgern, die per Losverfahren gewählt werden. So sei garantiert, dass auch die Belange der Tramfahrerin, des Coiffeurs und des Kochs beachtet werden. Frey argumentiert:
«Wir tun so, als wären die Institutionen aus dem 19. Jahrhundert der Weisheit letzter Schluss. Das ist völlig weltfremd.»
Die Forderung nach einer dritten Kammer nur eine von vielen unkonventionellen Ideen, die Bruno S. Frey im Gespräch mit René Scheu lanciert.
(Foto: Keystone)