Studien
IWP 20. Juli 2022

Beunruhigende Inflationserwartungen weltweit.

Dark majestic wave cresting in golden morning light

Von Dr. Martin Mosler, Bereichsleiter Fiskalpolitik, und Prof. Dr. Christoph Schaltegger, Direktor.

Eine gewaltige, wohl Jahre anhaltende Inflationswelle hat die Volkswirtschaften weltweit erfasst. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste Umfragewelle des Economic Experts Survey (EES), einer global durchgeführten Umfragereihe des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und des ifo Instituts in München. Der EES liefert weltweit erstmals belastbare Zahlen zu den aktuellen Inflationseinschätzungen von Wirtschaftsexperten aus 113 Nationen.

Die Ergebnisse als Kurzzusammenfassung:

  • Die erwartete, durchschnittliche Inflationsrate weltweit für 2022 beträgt 7.7 Prozent. Das wäre fast dreimal höher als der Durchschnitt im letzten Jahrzehnt.
  • Die Inflation bleibt und soll im Jahr 2026 global immer noch 4.5 Prozent ausmachen. Eine solche Hochinflationsphase wurde in der jüngeren Geschichte noch nicht beobachtet.
  • Auch hochentwickelte Volkswirtschaften Europas sind betroffen. Im vom russischen Invasionskrieg mittelbar betroffenen Osteuropa werden gar Preissteigerungen von fast 16 Prozent erwartet.
  • Die nordafrikanischen Wirtschaftsexperten gehen von einer diesjährigen Inflation von über 80 Prozent aus, in Ostafrika soll sie über 46 Prozent betragen. Entwicklungs- und Schwellenländer haben eine erhöhte Gefahr von sozialen Härten, die sich auch in politischer Instabilität oder Migrationsdruck äussern könnten.
  • Der erwartete Preisdruck in der Schweiz fällt mit kurzfristig 3 Prozent und mittelfristig 1.6 Prozent vergleichsweise gering aus.
  • Es besteht aber die Gefahr von importierter Inflation aus dem Ausland, wenn Preissteigerungen in den engen Handelspartner der Eidgenossenschaft auftreten.
  • In Summe wird die Welt ärmer. Die hohe Inflation verursacht reale Kosten, wodurch sich Konsumenten weltweit weniger leisten können.
  • Auch den politischen Akteuren in der Schweiz stehen schwierigere Zeiten bevor, wenn es darum geht, der Inflation entgegenzutreten.

Global: Inflation ist gekommen, um zu bleiben

Die befragten Umfrageteilnehmer gehen durchschnittlich für das laufende Jahr von einer weltweiten Inflationsrate von 7.7 Prozent aus. Damit läge die Inflationsrate für 2022 ganze fünf Prozentpunkte höher als die von der Weltbank (2022) angegebene durchschnittliche Inflationsrate zwischen 2010 bis 2019. Direkter formuliert: Die erwartete Inflation in diesem Jahr ist fast dreimal so hoch wie die durchschnittliche jährliche Preissteigerung im letzten Jahrzehnt, wobei die Erwartungen ihrerseits inflationsfördernd wirken können. Die weltweite Inflation ist wohl deshalb gekommen, um zu bleiben: Für 2023 wird mit einer durchschnittlichen Inflation von 6.2 Prozent nur ein leichter Rückgang im Vergleich zum laufenden Jahr erwartet. Selbst mittelfristig für 2026 rechnen die Umfrageteilnehmer noch immer mit einem deutlich erhöhten Preisdruck von 4.5 Prozent im globalen Durchschnitt.

In der jüngeren Geschichte seit Mitte der 1990er-Jahre ist eine solch globale, anhaltende Hochinflationsphase wie derzeit nicht mehr beobachtet worden. Die Weltbank (2022) stellt Daten zur durchschnittlichen weltweiten Inflationsrate ab 1981 bereit. Betrachtet man die letzten vier Jahrzehnte, so gab es nur zwei vergleichbare Zeitperioden: Erstens zu Beginn der 1980er-Jahre, die in den Vereinigten Staaten bis heute als «The Great Inflation» bekannt sind und ein fundamentales Umdenken in der Geldpolitik von Zentralbanken rund um die Welt auslösten. Und zweitens zu Beginn der 1990er-Jahre, als die ehemaligen Ostblock-Staaten ihre Wirtschafts- und Währungssysteme nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neu aufstellten.  

Regional: Preise weltweit nicht mehr stabil

Die globalen Inflationserwartungen sind hoch. Wenngleich diese Aussage uneingeschränkt für alle betrachteten Weltregionen zutrifft, so werden doch Unterschiede bei einer differenzierten Betrachtung deutlich. Mit teils deutlich mehr als 20 Prozent im laufenden Jahr erwarten die Umfrageteilnehmer für Nord- und Ostafrika, Teile Asiens sowie Südamerika die höchsten Inflationsraten weltweit. Die niedrigsten Inflationserwartungen von unter 10 Prozent werden u.a. für Nordamerika sowie Teile Europas gemeldet. Jedoch liegen auch diese Werte deutlich über den von Zentralbanken angestrebten Zielen. Vielmehr noch: Die Wirtschaftsexperten erwarten für keine einzige Weltregion eine Inflationsrate von unter 5 Prozent. Zum Vergleich: Die Schweizer Nationalbank setzt Preisstabilität mit einer Inflation von weniger als 2 Prozent gleich. Nach dieser Definition sind die Preise weltweit nicht mehr stabil.

Europa und Zentralasien: Inflationssignale des russischen Angriffskrieges

Die Experten in den europäischen Nationen gehen von grossen Preissprüngen noch in diesem Jahr aus. Während der durchschnittliche Wert für Westeuropa bei noch fast moderaten 5.9 Prozent liegt, beträgt er in Südeuropa bereits 7.7 Prozent und in den nordeuropäischen Nationen gar 9.1 Prozent. In keiner der Regionen wird ein Rückgang der Inflation selbst mittelfristig auf 2 Prozent erwartet. Die Inflation hat auch einkommensstarke, hochentwickelte Volkswirtschaften fest im Griff.

In dem hohen Wert für Nordeuropa könnten sich auch sicherheitspolitische Spannungen wegen des russischen Invasionskrieges in der Ukraine widerspiegeln. Diese Vermutung wird durch die Inflationserwartungen für das ebenfalls unmittelbar bis mittelbar betroffene Osteuropa gestützt, die mit 15.8 Prozent für das laufende Jahr deutlich höher sind als in den anderen europäischen Regionen. Auch die zentralasiatischen Wirtschaftsexperten, deren Länder wie Kasachstan oder Usbekistan wirtschaftlich eng mit der Kriegspartei Russland verbunden sind, erwarten Preissteigerungen von deutlich über 20 Prozent für 2022. Zu den bereits immensen humanitären und militärischen Herausforderungen, die durch den Angriffskrieg ausgelöst wurden, werden nun auch Signale zu den wirtschaftspolitischen Auswirkungen immer deutlicher.  

Nord- und Südamerika: US-Präsident Biden sieht Inflation als drängendste ökonomische Herausforderung

Für Nordamerika wird zwar ein mittelfristiger Rückgang der Inflationsrate von 6.4 Prozent im laufenden Jahr auf 2.6 Prozent für das Jahr 2026 erwartet. Der aktuelle US-Präsident Biden bezeichnet die gegenwärtigen Preissteigerungen dennoch als die aktuell dringendste ökonomische Herausforderung seines Landes, deren Bekämpfung er seine höchste politische Priorität einräumt (Weisses Haus 2022). Der US-Präsident nimmt zwar explizit die amerikanische Notenbank in die Pflicht, kündigt aber auch eigene Massnahmen im Energie- und Gesundheitssektor an, die Alltagskosten der Bürger zu reduzieren.

Geht der Blick Richtung Süden erscheinen die Probleme des Nordens jedoch vergleichsweise gering: Die befragten Wirtschaftsexperten Südamerikas erwarten für dieses Jahr eine Inflation von über 21 Prozent, die mittelfristig immer noch 7.6 Prozent im Jahr 2026 betragen soll. Selbst für den inflationsgepeinigten Kontinent, zu dessen Mitgliedsstaaten die langjährigen Hochinflationsländer Venezuela oder Argentinien gehören, sind diese Werte aussergewöhnlich.

Schweiz: Ausnahme bestätigt die Regel

Verglichen mit dem Rest der Welt erwarten die Wirtschaftsexperten für die Schweiz eine vergleichsweise geringe Inflation. Für das laufende Jahr 2022 und für das nächste Jahr 2023 wird von einer durchschnittlichen Preissteigerung von je 3 Prozent ausgegangen. Mittelfristig für das Jahr 2026 erwarten die Umfrageteilnehmer einen Rückgang auf 1.6 Prozent. Sollten die Experten recht behalten, so würde zwar kurzfristig das Inflationsziel der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verfehlt werden, im Jahr 2026 aber wieder eine Preisstabilität von weniger als 2 Prozent erreicht. Wie optimistisch die Einschätzung der Schweizer Experten dabei ist, zeigt der internationale Vergleich: Von den 112 übrigen Nationen, für die die jeweiligen Wirtschaftsexperten ihre Inflationserwartungen angegeben haben, wird nur für ein einziges Land eine geringere Preissteigerung als in der Schweiz erwartet. Die Ausnahmen bestätigen die Regel.

Gefahr: Importierte Inflation schwappt auf die Eidgenossenschaft

Angesichts der Inflationserwartungen werden sofortige Massnahmen zur Bekämpfung der Preissteigerungen von den Wirtschaftsexperten als nötig angesehen. Aus dem EES, dessen Ergebnisse den befragten Experten stets erst nach dem Ausfüllen der Umfrage zur Verfügung gestellt werden, wird die erhöhte Wahrscheinlichkeit von massiven Preissteigerungen in vielen engen Handelspartnern der Eidgenossenschaft deutlich. Wenngleich die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch über ein gefülltes Arsenal an geldpolitischen Instrumenten verfügt, so muss die Gefahr von sogenannter «importierter Inflation» stets im Auge behalten werden.

Diese Übertragung eines hohen Preisniveaus im Ausland auf die Schweiz erfolgt durch Preissteigerungen von importierten Produkten wie beispielsweise Rohstoffen, Materialien oder Zwischenkomponenten, welche die einheimische Produktion real verteuern. So forderte Bundesrat Parmelin beispielsweise die Sozialpartner angesichts der steigenden Energiepreise bereits zu Lohnverhandlungen auf (Tagesanzeiger 2022). Solche Lohnerhöhungen sind nachvollziehbar, würden aus einer reinen Inflationssicht jedoch nicht zur Dämpfung von inländischen Preissteigerungen beitragen.

Implikation: Die Welt wird ärmer

Die Inflationszahlen sind ernüchternd. Solch grosse Preissteigerungen gehen mit einem substantiellen Wohlfahrtsverlust der Bevölkerung einher. Vereinfacht gesagt besteht die Inflation aus einer realen und einer nominalen Komponente. Die reale Preissteigerung spiegelt wider, dass Güter und Dienstleistungen fundamental teurer werden. Grund dafür ist, dass beispielsweise Lieferketten durch zu wenige Abfertigungsmitarbeiter an internationalen Flughäfen gestört sind, wegen der Kriegshandlungen eine geringere Ernte in der Ukraine eingefahren wird oder Russland als Reaktion auf Wirtschaftssanktionen weniger Gas durch die Pipelines schickt.

Daneben gibt es eine nominale Komponente, die monetäre Treiber umfasst. Diese «Preissteigerungen auf dem Papier» kommen von einer massiven Steigerung der weltweiten Geldmenge, die durch die expansive Geldpolitik der Zentralbanken mittels Leitzinssenkungen oder Anleihekaufprogrammen begründet wird. Während die Liquidität zunächst in sogenannten Horten verblieb, scheint sie nun ihren Weg in den allgemeinen Wirtschaftskreislauf gefunden zu haben (siehe auch Mosler 2022). Auch nominale Preissteigerungen gehen mit realen Kosten einher. In der Ökonomie spricht man plakativ vom «Schuhleder-Effekt», wenn die Bürger wegen der Geldentwertung weniger Bargeld halten und Zeit für den vermehrten Gang zum Bankautomaten verschwenden müssen, oder dem «Speisekarten-Effekt», wenn Kaufleute wie Gastronomen ständig ihre Preise anpassen müssen.

Für die reale wie nominale Komponente der Inflation gilt: Die Konsumenten haben erhöhte Kosten und können sich weniger leisten. Die Welt wird wegen der Inflation ärmer.

Zusammenfassung: Schweiz (noch) als Insel der Glückseligen

Noch ist die Schweiz eine Insel der Glückseligen im weltweiten Inflationsmeer. Bildlich gesprochen steigt der Meeresspiegel jedoch bedrohlich an. Der Schweizerischen Nationalbank (SNB) stehen schwierige Zeiten bevor, um Preissteigerungen in der Eidgenossenschaft wirkungsvoll entgegenzutreten.

Hintergrund: Sonderumfrage des EES

Der Economic Experts Survey (EES) ist eine vierteljährliche Umfragereihe unter internationalen Wirtschaftsexperten, die gemeinsam vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München durchgeführt wird. Der EES misst auf globaler Ebene die Qualität von Wirtschaftspolitik und politischen Rahmenbedingungen anhand von Expertenaussagen. Die Ergebnisse werden vierteljährlich veröffentlicht. Der EES liefert durch die Einschätzungen der Teilnehmer zunächst qualitative Informationen, die für die folgende Interpretation der Ergebnisse aufbereitet werden. Die Ergebnisse des EES sind zeitnah verfügbar und international vergleichbar. 

Im Rahmen der zweiten Welle des EES wurden Sonderfragen zur Inflation gestellt. Die Umfrageteilnehmer wurden gebeten, ihre Erwartungen zur durchschnittlichen Preissteigerung in ihrem Land für die Jahre 2022, 2023 und 2026 anzugeben.

Aus den Antworten der Experten auf die einzelnen Fragen bilden wir zunächst das arithmetische Mittel für jedes Land und anschliessend das arithmetische Mittel für jede Weltregion. Wir verwenden 18 Weltregionen auf fünf Kontinenten, aufbauend auf der Definition der geografischen Regionen der Vereinten Nationen. Aufgrund von Datenbeschränkungen definieren wir alle Subregionen innerhalb Ozeaniens als eine Region und fassen die Regionen Zentralamerika und Karibik zu einer gemeinsamen Region zusammen.

Wir rekrutieren die Wirtschaftsexperten für die Umfrage aus zwei Gruppen. Die erste Gruppe sind renommierte Wirtschaftsexperten, die an Forschungsinstituten, Zentralbanken, multinationalen Unternehmen, Botschaften und internationalen Organisationen arbeiten. Die Experten aus dieser Gruppe sind handverlesen und haben Verbindungen zum international renommierten CESifo-Netzwerk. Die zweite Gruppe besteht aus führenden Akademikern und Forschern im Bereich der Wirtschaftswissenschaften gemäss internationalen Wissenschaftsrankings. Teilnehmer aus beiden Gruppen prägen oftmals die öffentlichen Wirtschaftsdebatten in ihrem Land. Die Experten beantworten die Fragen online und können dabei das Land auswählen, für das sie ihre Expertise zur Verfügung stellen möchten. Die Wirtschaftsexperten nehmen freiwillig an der Umfrage teil und erhalten für die Teilnahme keine Vergütung.

Die Auswertung der Ergebnisse wird zwischen den Forschungsteams der beiden beteiligten Institute koordiniert. Die mögliche Interpretation der Ergebnisse wird ebenso von den Forschungsteams besprochen, die finale Auswertung und Publikation erfolgt jedoch individuell. Die hier dargestellte Interpretation der Ergebnisse entspricht der Einschätzung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik.

Quellen

Massoud, T. G., Doces, J. A., & Magee, C. (2019). Protests and the Arab Spring: An empirical investigation. Polity51(3), 429-465. Mosler, M. (2022). Inflation: Was ist diesmal anders?. Nebelspalter. Verfügbar unter: https://www.nebelspalter.ch/inflation-was-ist-diesmal-anders. Tagesanzeiger (2022). Parmelin: Verhandlungen über höhere Löhne wegen Inflation. Tagesanzeiger. Verfügbar unter: https://www.tagesanzeiger.ch/parmelin-verhandlungen-ueber-hoehere-loehne-wegen-inflation-963085906168. Weisses Haus (2022). President Biden Statement on CPI Inflation in June [Presseerklärung]. Abrufbar unter: https://www.whitehouse.gov/briefing-room/statements-releases/2022/07/13/president-biden-statement-on-cpi-inflation-in-june/. Weltbank (2022). Inflation, Consumer Prices [Datendatei]. Abrufbar unter: https://data.worldbank.org/indicator/FP.CPI.TOTL.ZG.