Interviews
Von Dr. Thomas M. Studer 15. Juli 2025

«Bei der Einkommensmobilität ist die Schweiz Spitze», sagt Melanie Häner-Müller.

row of escalatorsand stairs in modern railway station

Liebe Melanie, du forschst seit sieben Jahren zu den gesellschaftlichen Aufstiegschancen in der Schweiz. Was fasziniert dich so daran?

Chancengleichheit ist ein wichtiges Merkmal einer offenen und durchlässigen Gesellschaft. Sie ist sogar im Zweckartikel unserer Bundesverfassung verankert, wo es heisst: «Sie sorgt für eine möglichst grosse Chancengleichheit unter den Bürgerinnen und Bürgern.» Als Ökonomin ist es für mich deshalb essenziell zu erforschen, inwiefern sich individueller Erfolg unabhängig vom eigenen familiären Hintergrund erreichen lässt und was die Treiber des gesellschaftlichen Aufstiegs sind.

In den Medien werden oft die fehlenden wirtschaftlichen Aufstiegschancen hierzulande moniert. Fakt oder Mythos?

Das ist ein Mythos. Im internationalen Vergleich ist die Schweiz bei der Einkommensmobilität eine Spitzenreiterin. Konkret zeigt unsere Forschung: Das eigene Einkommen wird nur zu 15 Prozent durch den familiären Hintergrund bestimmt. In den USA sind es beispielsweise 49 Prozent und bei unseren Nachbarn Deutschland und Frankreich 43 Prozent bzw. 29 Prozent. Sogar im durchlässigen Dänemark erklärt die Familie 20 Prozent des eigenen Einkommens. In einer neuen Studie habe ich gemeinsam mit Jonas Bühler und Christoph Schaltegger sogar gezeigt, dass die Schweiz diese Spitzenposition bereits seit vier Dekaden innehat. Seit den 1980er Jahren liegt die familiäre Prägung in der Schweiz bei rund 17 Prozent.

Anders verhält es sich bei der Bildung. Der familiäre Einfluss auf den eigenen Bildungserfolg ist mit 33 Prozent gut doppelt so hoch wie beim Einkommen. So besuchen denn auch Akademikerkinder fünfmal häufiger eine Hochschule als Kinder aus Familien ohne höheren Schulabschluss. Aber eben: Es gilt zwischen Bildung und Einkommen zu unterscheiden. 

Zur Person

Dr. Melanie Häner-Müller leitet den Bereich Sozialpolitik und ist Bildungsverantwortliche des IWP. Sie ist in einem Fünfhundert-Seelendorf vor den Toren Berns aufgewachsen. In ihrer Forschung widmet sie sich den Schweizer Sozialwerken, insbesondere Fragen zur Altersvorsorge, Sozialhilfe und Prämienverbilligungen. Gleichzeitig erforscht sie die Ungleichheit und gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten in der Schweiz. Ihre Forschungsergebnisse werden in renommierten Fachzeitschriften publiziert, stossen auf grosses öffentliches Interesse und werden von Publikumsmedien von NZZ bis «Migros Magazin» aufgenommen. Als Bildungsverantwortliche übernimmt sie die strategische Leitung zur Vermittlung ökonomischer Inhalte im Schulunterricht. Ausserdem ist sie als Dozentin an den Universitäten Luzern und Basel tätig. Seit März 2024 veröffentlicht sie monatliche Wirtschaftskolumnen in der NZZ am Sonntag.

Durchschnittsschülerin bei der Bildung, Musterschülerin beim Einkommen – wie ist das möglich?

Ein entscheidender Faktor ist das duale Bildungssystem. Im internationalen Vergleich spielt es in der Schweiz eine vergleichsweise geringe Rolle, ob jemand einen Universitätsabschluss hat. So kombiniert die Berufslehre praxisnahe Ausbildung mit guter schulischer Grundlage und ermöglicht dadurch auch die anschliessende Fortbildung an weiterführenden Schulen. So ist es beispielsweise möglich, mit einem höheren Fachschulabschluss schon früh über 8'000 Franken pro Monat zu verdienen. Ausserdem zeigen Studien, dass die Bildungsrenditen an Fachhochschulen gar leicht höher sind als an den Universitäten. Mit anderen Worten: Ein fehlender Universitätsabschluss ist in der Schweiz kein Hindernis für hohe Einkommenschancen.

«Ein entscheidender Faktor ist das duale Bildungssystem. Im internationalen Vergleich spielt es in der Schweiz eine vergleichsweise geringe Rolle, ob jemand einen Universitätsabschluss hat.»

Melanie Häner-Müller

Wie wird denn Chancengerechtigkeit gemessen? Über die Ähnlichkeit von Vater und Sohn?

Viele ökonomische Studien messen tatsächlich den Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern, um die soziale Mobilität zu ermitteln. Allerdings gibt es zwei Betrachtungen, die über diese Betrachtung hinausreichen und somit die Aufstiegschancen umfassender ermitteln. Erstens gibt es die sogenannten Geschwisteranalysen. Dieser Ansatz ist umfassender, da Geschwister nicht nur die elterlichen Ressourcen teilen, sondern auch viele andere Lebensumstände: Sie wachsen in der gleichen Nachbarschaft auf, besuchen dieselbe Schule, teilen ähnliche Freizeitaktivitäten oder teilen den Freundeskreis. 

Und zweitens?

Zweitens kann man auch weiter entfernte Generationen in die Analyse einbeziehen. Bei der reinen Kernfamilienbetrachtung ist es nämlich schwieriger zu ermitteln, welcher Teil des familiären Effekts tatsächlich Ausdruck fehlender Chancengerechtigkeit ist. So können Ähnlichkeiten von Geschwistern oder Eltern und Kinder auch ein Abbild ähnlicher Anstrengungen oder Fähigkeiten sein. Dies gilt allerdings nicht, wenn sogar entfernte Familienmitglieder wie die Ur-Grosseltern noch einen Einfluss auf den eigenen Erfolg ausüben. Dann würde es nämlich ausreichen, einen Nachnamen von Rang und Namen zu tragen, um erfolgreich zu sein – ein klassisches Zeichen fehlender Chancengerechtigkeit. 

«Es reicht nicht aus, mit dem goldenen Löffel im Mund geboren zu werden, um erfolgreich zu sein.»

Melanie Häner-Müller

Verrate es uns: Gibt es Schweizer Dynastien?

Nein, im allgemeinen gibt es keine Dynastien. Wir haben uns das in Basel über 15 aufeinanderfolgende Generationen bis zurück ins Spätmittelalter angeschaut. Das Resultat bezeichnen wir salopp als den «Buddenbrooks-Effekt», denn binnen vier Generationen verblasst im Schnitt der familiäre Effekt. Während der elterliche Effekt deutlich nachweisbar ist, ist der zusätzliche grosselterliche Effekt noch rund halb so gross wie der elterliche Effekt. Aber bereits für die Urgrosseltern lässt sich kein zusätzlicher Effekt mehr statistisch nachweisen. Es reicht also nicht aus, mit dem goldenen Löffel im Mund geboren zu werden, um erfolgreich zu sein.

Liebe Melanie, und was wirst du in den kommenden sieben Jahren erforschen?

Die Ideen für zukünftige Forschungen gehen meinem Team und mir noch lange nicht aus. Ein spezielles Projekt zur sozialen Mobilität führt uns aktuell in Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich. Dabei untersuchen wir den Einfluss von Eltern und Grosseltern auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern vom ersten Lebensjahr bis in die Jugend. In einem anderen Projekt schauen wir uns die familiäre Prägung bei Sozialhilfebezügern an. Und das sind nur zwei von vielen Projekten, die wir angehen. Mein Forscherherz brennt für diese Themen!