Liebe Melanie, Deine Dissertation wurde am diesjährigen Dies Academicus der Universität Luzern ausgezeichnet. Gratulation! Um was ging es bei Deiner Dissertation?
Ich untersuchte im Wesentlichen drei Dinge: die gesellschaftlichen Aufstiegschancen, das Heiratsverhalten und wie ersteres mit zweitem zusammenhängt. Der Fokus meiner Forschung lag auf der Situation in der Schweiz. Dabei arbeitete ich mit ganz unterschiedlichen Daten: von historischen Archivdaten, die bis zurück ins Mittelalter reichten, bis hin zu aktuellen und äusserst detaillierten Steuerdaten.
Was kann die Wirtschaftspolitik konkret von Deiner Forschung lernen?
Einerseits, dass es einen Zielkonflikt zwischen der gesellschaftlichen Präferenz nach Umverteilung und der persönlichen Partnerpräferenz gibt. So wird in der Schweiz besonders oft unter seinesgleichen geheiratet. Dies erhöht die Einkommens- und Vermögensungleichheit beträchtlich – und macht in Teilen gar die steuerliche Umverteilung zunichte. Und andererseits, dass der Erhalt einer durchlässigen Gesellschaft essenziell ist. Intakte Aufstiegschancen sind nicht nur ein Wesensmerkmal einer meritokratischen Gesellschaft. Sie verhindern auch, dass das Heiraten nach dem Motto «gleich und gleich gesellt sich gern» die gesellschaftlichen Schichten zementiert.
Was waren die Highlights während Deiner Dissertationszeit?
Ich mochte die Abwechslung: Die Datenerfassung zur sozialen Mobilität im Standesamt Basel (Im Saal nebenan wurden je Tag mehrere Paare getraut. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mich in einem späteren Forschungsprojekt auch mit dem Heiratsverhalten beschäftigen würde), das Vortragen an Konferenzen, das Unterrichten der Übungen in Wirtschaftspolitik, das Schreiben der Artikel für die breite Öffentlichkeit oder der Moment, als ein passender Titel fürs Paper gefunden wurde (z.B. «The name says it all» oder «Marry into new or old money?»).
Eine Absolventin fragt Dich um Rat: soll ich eine Dissertation in Angriff nehmen? Was sagst Du ihr? Was sind die Chancen und Risiken, die es abzuwägen gilt?
Ich würde die Absolventin fragen, ob sie für ein bestimmtes Thema «brenne». Leidenschaft für einen Untersuchungsgegenstand ist meines Erachtens die Grundvoraussetzung, um eine Dissertation zu schreiben. Die Erstellung wissenschaftlicher Papiere ist immer mal wieder geprägt von Selbstzweifeln, methodischen Unsicherheiten, Datenproblemen etc. Da braucht es nebst Disziplin auch eine grosse Portion Freude am Forschen. Die grösste Chance ist meines Erachtens, dass man Dinge selbst erschaffen kann und sich stark mit den eigenen Forschungsprojekten identifiziert. Ganz nebenbei absolviert man auch eine Lebensschule. Wenn die Absolventin also Lust auf ein spannendes und intensives Abenteuer hat, dann sollte sie eine Dissertation in Angriff nehmen.