«Westliche Gesellschaften sind heute so gleich wie nie zuvor», sagt Daniel Waldenström, Professor für Ökonomie am Research Institute of Industrial Economics in Stockholm. Im Gespräch mit Dr. Melanie Häner-Müller vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern erklärt er, warum die weitverbreitete Vorstellung, westliche Gesellschaften seien besonders ungleich, kaum haltbar ist. Im historischen und globalen Vergleich sei die Ungleichheit heute so gering wie noch nie – nicht weil man den Erfolgreichen etwas wegnehme, sondern weil man durch Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung den Aufstieg für viele ermögliche.
Nicht nur bei den Aufstiegschancen und der Einkommensverteilung, sondern auch beim Vermögen herrsche mehr Gleichheit als gemeinhin angenommen, sagt Waldenström. Zwar seien Immobilien- und Aktienwerte seit den 1980er-Jahren in fast allen westlichen Ländern stark gestiegen, doch die Vermögenskonzentration habe sich kaum verändert. Dies deshalb, weil rund 80 Prozent des Vermögens in Wohneigentum und langfristigen Ersparnissen wie Pensionskassenfonds stecke, die breiten Bevölkerungsschichten gehörten. Der Wertzuwachs habe damit nicht primär eine kleine Elite bereichert, sondern den Mittelstand insgesamt.
Langfristig ist der Westen nicht nur reicher, sondern auch gleicher geworden. Diese Erkenntnisse legt Waldenström in seinem Buch Richer and More Equal: A New History of Wealth in the West (2024) ausführlich dar.
Weitere Themen des Gesprächs sind:
- Warum Erbschaften die Vermögensungleichheit eher verringern als vergrössern.
- Warum Kapitaleinkommenssteuern besser funktionieren als Vermögens- oder Erbschaftssteuern.
- Ob Automatisierung und künstliche Intelligenz die Ungleichheit zwangsläufig verschärfen.