«Gutes Lobbying arbeitet transparent», sagt Hilmar Gernet.

Interview von Dr. Thomas Studer.
Herr Gernet, früher haben Sie als Journalist vielen Menschen die Politik erklärt, heute vertreten Sie als Lobbyist die Interessen von wenigen in der Politik. Haben Sie die Seiten gewechselt? 

Lobbyisten rechtfertigen ihre Arbeit oft damit, sie lieferten Politikern das Fachwissen, das im Milizsystem sonst fehlt. Ist das die nüchterne Wahrheit – oder die eleganteste Selbstbeschreibung einer stillen, aber einflussreichen Branche? 

Wenn Lobbying in erster Linie Informationsarbeit ist: Woran erkennt man den Moment, in dem Information in Einfluss umschlägt? 

Demokratie lebt vom Ausgleich legitimer Interessen. Aber sie leidet, wenn gut organisierte Interessen dauerhaft mehr Gehör finden als schlecht organisierte. Wo verläuft für Sie diese Grenze in der Schweiz? 

Haben Verbände an politischem Einfluss verloren? 

Das IWP will mit dem Parlameter politische Prozesse sichtbarer und verständlicher machen. Mehr Transparenz stärkt die Demokratie – schwächt sie damit zwangsläufig das diskrete Geschäft des Lobbyings? 

«Wenn Parlamentsmitglieder die Standpunkte in ihre persönliche, wertegeleitete Entscheidung einbeziehen, ist aus Information Einfluss geworden.»
Hilmar Gernet
In anderen Ländern müssen Lobbyisten offenlegen, für wen sie arbeiten und mit welchen Mitteln. Die Schweiz bleibt zurückhaltend. Ist das Ausdruck politischer Reife – oder ein blinder Fleck unseres Systems? 

Die Schweiz gilt wegen Milizparlament, Verbändestaat und kurzen Wegen als besonders zugänglich für organisierte Interessen. Ist diese Nähe ein Standortvorteil der Demokratie – oder eine strukturelle Versuchung zur Einflussasymmetrie? 

Zur Person

Dr. phil. Hilmar Gernet (*1961) ist Historiker, Publizist und Kommunikationsfachmann mit langjähriger Erfahrung in Politik, Finanzwirtschaft und Medien. Er war unter anderem Generalsekretär der CVP Schweiz, Mitglied der Konzernleitung von Hapimag sowie Delegierter für Politik und Geschichte bei Raiffeisen Schweiz. Als Autor von rund zwanzig Sachbüchern und Biografien sowie als Dozent an der Universität Luzern und weiteren Hochschulen verbindet er wissenschaftliche Expertise mit praktischer Erfahrung in Public Affairs, Kommunikation und Genossenschaftswesen.

Was heisst das konkret – welche berufsethischen Standards gelten für Lobbyisten in der Schweiz? 

Selbstverpflichtungen funktionieren aber nur, wenn sie auch eingehalten werden. Wer kontrolliert das – und was passiert, wenn jemand die Regeln bricht? 

«Die direkte Demokratie wirkt als Korrektiv – wer zu einseitig agiert, riskiert ein Referendum oder eine Volksinitiative.»
Hilmar Gernet
Das Entlastungspaket 27 mit seinen 57 Sparmassnahmen setzt zahlreiche Anspruchsgruppen unter Druck. Sind solche Phasen für Lobbyisten Momente legitimer Interessenvertretung – oder Hochkonjunktur für Abwehrkämpfe zulasten des Gemeinwohls? 

Und noch zurück zum Aspekt des Gemeinwohls? 

Viele Bürger vermuten, politische Entscheidungen fielen nicht dort, wo öffentlich debattiert wird, sondern dort, wo Interessen am professionellsten organisiert sind. Ist dieses Misstrauen unbegründet – oder hat es einen realen Kern?